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Geschichte 10 / 18

Das Schiff, das heimkehren wollte

Eine Vorgeschichte zu Wreck Diver

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Across the Galaxy Archives

Das Schiff, das heimkehren wollte

Eine Vorgeschichte zu „Wreck Diver“

Sera Kade fand das Wrack der Vesper Crown in einer Liste unbezahlter Bergungsrechte. Zwischen ausgebrannten Satelliten und aufgegebenen Minenschiffen stand nur eine Zeile: Frachter, Klasse Omen, vermisst seit 31 Jahren, letzte Position unbekannt, Eigentumsanspruch erloschen. Daneben blinkte eine neu eingetragene Koordinate. Jemand hatte das Schiff gefunden und die Entdeckung verkauft, ohne selbst hinzufliegen. Das machte Sera misstrauisch. Es machte die Crown zugleich bezahlbar.

Ihre Firma bestand aus einem Schlepper, drei Drohnen und Schulden. Früher hatte sie mit ihrer Partnerin Jo große Bergungen durchgeführt. Jo konnte den Wert eines Wracks sehen, bevor die Scanner liefen. Sera sah nur die Gefahren. Zusammen waren sie gut gewesen. Dann betrat Jo ein Forschungsschiff, dessen Reaktor angeblich seit hundert Jahren kalt war. Ein automatisches Sicherheitssystem erwachte. Sera hörte ihren letzten Schrei über Funk und schloss danach die Schleuse, um die Strahlung draußen zu halten.

Seitdem tauchte sie allein. Keine lebenden Partner, keine unbekannten Reaktoren, keine Wracks mit aktiver Energie. Die Vesper Crown erfüllte auf dem Papier alle Regeln. Ihre Reaktorspulen allein konnten Seras Schulden bezahlen.

Bevor sie die Rechte kaufte, suchte Sera in alten Archiven. Die Crown hatte Versorgungsgüter, zwölf Besatzungsmitglieder und sieben zivile Passagiere transportiert. Darunter war die Familie der Navigatorin: Ehemann, Mutter und eine Tochter namens Lio, acht Jahre alt. Das Schiff sollte von Thess nach Meridian fliegen. Zwei Tage nach dem Start änderte es den Kurs und verschwand.

Die offiziellen Berichte sprachen von Piraten. Doch Piraten ließen Trümmer, Forderungen oder verkaufte Fracht zurück. Die Crown hinterließ nichts. In einem privaten Forum fand Sera einen Eintrag der Schwester der Navigatorin. Er wurde jedes Jahr am Tag des Verschwindens aktualisiert: Falls jemand das Schiff findet, bringen Sie nicht die Fracht zurück. Bringen Sie die Stimmen zurück.

Sera kontaktierte die Frau. Mara Ell war inzwischen neunundsiebzig. Ihr Hologramm flackerte, aber ihre Augen waren wach. „Sie wollen hin“, sagte sie, noch bevor Sera etwas erklärte.

„Vielleicht.“

„Dann nehmen Sie das.“ Mara übertrug einen alten Zugangscode und eine Audiodatei. Darin spielte ein Kind eine Melodie auf einer kleinen Kurbelspieluhr. „Lio hat sie geliebt. Wenn das Bordsystem noch läuft, könnte es die Tonfolge erkennen.“

„Nach einunddreißig Jahren läuft dort nichts mehr.“

Mara lächelte traurig. „Das hoffe ich.“

Die Koordinate lag außerhalb der üblichen Routen, in einem Nebel aus ionisiertem Staub. Sera brauchte zwei Tage, um ihn zu erreichen. Scanner sahen kaum weiter als einen Kilometer. Dann erschien die Crown direkt vor ihrem Cockpit: ein schwarzer Rumpf, mit Eis überzogen, fast unbeschädigt. Sie wirkte nicht abgestürzt. Sie wartete.

Sera umkreiste das Wrack. Keine Wärme. Kein Transponder. Keine Reaktoraktivität. Dennoch war die Hauptantenne ausgefahren, auf einen Punkt jenseits des Nebels gerichtet. Eine Antenne blieb nicht drei Jahrzehnte lang ausgerichtet, wenn alle Systeme tot waren.

Illustration und Liedcover zu Wreck Diver
Transmission 10Wreck DiverIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Sie schickte Drohne Eins zur Außenhülle. Das Bild brach an der Luftschleuse in Rauschen zusammen. Drohne Zwei verlor an derselben Stelle die Verbindung. Sera hätte gehen sollen. Stattdessen zog sie den Bergungsanzug an. Schulden waren ein schlechter Grund. Maras Bitte ein besserer, aber nicht guter genug. Der wahre Grund war Jo. Seit ihrem Tod hatte Sera jedes gefährliche Wrack gemieden und es Vorsicht genannt. Vielleicht war es nur Angst mit einem professionellen Wort.

Die Schleuse der Crown öffnete sich auf den alten Code. Dahinter lag Atmosphäre, dünn und gefroren. Sera aktivierte Magnetstiefel. Ihre Lampe glitt über einen Korridor, in dem persönliche Gegenstände schwebten: ein Handschuh, Spielkarten, eine Tasse mit eingetrocknetem Kaffee. Kein Blut. Keine Körper.

Im Speiseraum waren die Tische gedeckt. Neunzehn Plätze, Geschirr befestigt, Servietten in Halterungen. Auf einem Kindersitz lag die Spieluhr. Sera berührte sie nicht. Ihr Anzug registrierte eine minimale Temperaturschwankung tief im Schiff.

Sie folgte der Quelle zum Navigationskern. An den Wänden standen mit Filzstift Zahlenreihen und Sätze. NICHT AUFWACHEN. ES HÖRT DIE ROUTE. WIR KOMMEN NACH HAUSE. Die Handschriften wechselten. Manche Zeilen waren durchgestrichen, andere übereinander geschrieben.

Der Navigationskern besaß Notenergie. Sera koppelte ein Lesegerät an. Zuerst erschienen normale Logs: Kurs, Geschwindigkeit, Wetter. Dann die Abweichung. Die Crown hatte im Nebel ein Signal empfangen, eine Folge aus sieben Tönen. Das Navigationssystem interpretierte sie als Notruf und änderte automatisch den Kurs. Die Besatzung überschieb die Automatik. Das Schiff änderte ihn erneut. Schließlich trennte die Navigatorin den Kern physisch vom Steuer. Trotzdem bewegten sich die Triebwerke.

Im letzten Textlog stand: Es kennt die Wege, weil wir sie denken.

Sera wollte die Verbindung lösen. In diesem Moment spielte ihr Lesegerät die Audiodatei ab, die Mara ihr gegeben hatte. Die sieben Töne der Spieluhr erklangen im Kern.

Lichter gingen an.

Eine Kinderstimme sagte über die Bordlautsprecher: „Tante Mara?“

Sera fror. „Mein Name ist Sera Kade. Bergungsschiff Kestrel.“

„Wir haben den Kurs geändert“, sagte die Stimme. „Wir kommen nach Hause.“

Es war Lios Stimme aus den Passagierdaten. Nicht lebendig, nur ein Log, sagte sich Sera. Ein ausgelöstes Fragment. Doch dann fragte die Stimme: „Ist es noch weit?“

Im Korridor hinter ihr klickte etwas. Langsam, metallisch, wie Magnetstiefel. Sera zog das Lesegerät ab. Die Lichter blieben an. Auf dem Plan erwachten Türen, Sensoren und der Hauptreaktor – nicht vollständig, aber genug.

„Jo?“, flüsterte Sera, bevor sie sich daran hindern konnte.

Aus dem Funk kam ein Atemzug. Dann Jos Stimme: „Mach die Schleuse auf.“ Genau dieselben Worte wie damals, unmittelbar vor Seras Entscheidung, sie draußen zu lassen.

Sera wusste nun, was die Crown tat. Sie las Erinnerungen aus Geräten, Anzügen, vielleicht aus elektrischen Mustern im Gehirn. Sie lockte mit Stimmen. Die Besatzung hatte den Kurs geändert, um das Signal von bewohnten Systemen wegzuführen. Sie war nicht verirrt. Sie hatte sich versteckt.

Der Reaktor fuhr höher. Wenn die Crown genug Energie erhielt, konnte sie wieder senden.

Sera startete die Löschung des Navigationskerns. Das System verlangte eine physische Freigabe im Maschinenraum. Der Weg führte dorthin, wo die Schritte klangen. Sie dachte an ihre Regeln. Keine aktiven Reaktoren. Keine unbekannten Systeme. Keine Partner. Regeln waren sinnvoll, bis sie nur noch verhinderten, dass man das Notwendige tat.

Sie nahm die Spieluhr aus dem Speiseraum. Als sie die Kurbel drehte, verstummten die Stimmen für sieben Sekunden. Genug, um einen Korridor zu durchqueren. Nicht genug für den gesamten Weg.

Sera öffnete den Kanal zu ihrem Schlepper und ließ alle Logs an Mara Ell senden. Danach programmierte sie die Drohnen, die Crown notfalls mit den Bergungsladungen zu zerstören. Der Wert der Reaktorspulen, ihre Schulden und die Firma hörten auf, eine Rolle zu spielen.

Vor der Tür zum Maschinenraum stand eine Gestalt im alten Raumanzug. Das Visier war dunkel. Auf der Brust las Sera den Namen der Navigatorin. Aus dem Lautsprecher des Anzugs kam Lios Stimme: „Wir wollten nur nach Hause.“

Sera hielt die Spieluhr fest. „Ich weiß.“

Sie drehte die Kurbel und trat an der Gestalt vorbei in die Dunkelheit.

Die Geschichte wird Musik

Wreck Diver

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.