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Geschichte 13 / 18

Der Rand der blauen Karte

Eine Vorgeschichte zu Beyond the Blue Frontier

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Der Rand der blauen Karte

Eine Vorgeschichte zu „Beyond the Blue Frontier“

Leena Var wuchs mit einer Landkarte auf, die an einer Stelle abrupt endete. Sie hing im Arbeitszimmer ihrer Mutter und zeigte die bekannten Sprungrouten als blaue Linien. Rechts oben verliefen sie dünner, wurden zu Punkten und hörten schließlich auf. Jenseits davon war das Papier schwarz. Als Kind malte Leena dort heimlich Sterne hinein. Ihre Mutter entfernte sie nie.

Dr. Sorell Var leitete die erste Expedition zur Blauen Grenze. Ihr Schiff, die Ilyra, sollte drei unkartierte Systeme vermessen und nach sechs Monaten zurückkehren. Leena war dreizehn. Beim Abschied gab Sorell ihr einen alten Kompass, obwohl das Gerät im All nutzlos war. „Damit du etwas besitzt, das immer so tut, als kenne es Norden“, sagte sie.

Die Ilyra kehrte nicht zurück. Ihr letzter Bericht enthielt keine Notlage, nur einen Satz: Wir empfangen unsere eigenen Namen. Danach Stille.

Leena studierte Astrophysik, dann Signaltheorie. Jeder Professor wusste, wessen Tochter sie war. Manche behandelten sie vorsichtig, andere hielten ihre Forschung für Trauer in mathematischer Form. Leena veröffentlichte Modelle über Reflexionen in dunkler Materie und mögliche Relaisphänomene jenseits der Grenze. Keine Theorie erklärte, wie ein Signal Namen wiederholen konnte, die nie gesendet worden waren.

Zwanzig Jahre nach dem Verschwinden finanzierte der Rat eine neue Expedition. Nicht aus Neugier. Die Kernsysteme suchten Rohstoffe und sichere Kolonialrouten. Leena erhielt das Kommando über die Asterion, weil ihre Modelle die besten Navigationschancen boten. Im Vertrag stand, alle Entdeckungen seien Eigentum der Geldgeber. Leena unterschrieb trotzdem.

Die Besatzung bestand aus acht Menschen. Pilotin Mara Venn, die einen Unfallbericht gegen ihren früheren Arbeitgeber ausgesagt hatte. Signaltechniker Iko Daran, überzeugt, dass das Ilyra-Phänomen ein Messfehler war. Biologin Samir Ko, die noch nie einen Planeten verlassen hatte. Dazu Ingenieure, Kartografen und ein Sicherheitsbeauftragter namens Kell, der mehr über Förderrechte sprach als über Sicherheit.

Vor dem Start zeigte Leena ihnen die letzte Aufnahme ihrer Mutter. Nicht das offizielle Fragment, sondern die private Nachricht. Sorell saß im Cockpit und lächelte müde. „Falls wir zu spät kommen: Sag der Karte, sie soll auf uns warten.“ Leena erklärte nicht, warum sie die Datei teilte. Vielleicht wollte sie, dass die anderen verstanden, was für sie auf dem Spiel stand. Vielleicht wollte sie verhindern, dass sie ihre Mutter zu einem wissenschaftlichen Problem machte.

Die Reise bis zur Grenze dauerte vier Monate. Sie passierten Relais, deren Signale immer schwächer wurden. Die letzte Station hieß Beacon Blue. Dahinter gab es keine Rettungsabkommen, keine aktualisierten Koordinaten und keine Behörde, die auf einen Notruf reagieren musste.

An Beacon Blue empfing Leena eine Nachricht des Rats. Neue Priorität: Expedition auf neunzig Tage begrenzen, bei Rohstofffund sofort Besitzbojen setzen. Kell verlangte, den Auftrag zu bestätigen. Leena ließ die Nachricht unbeantwortet.

„Sie riskieren die Finanzierung“, sagte er.

„Hinter der Grenze kann uns niemand den Treibstoff wegnehmen.“

„Bei der Rückkehr schon.“

Leena sah auf die schwarze Fläche der Karte. „Dann sollten wir etwas mitbringen, das wichtiger ist als Treibstoff.“

Die Asterion überschritt die letzte blaue Linie. Es geschah ohne Erschütterung. Kein Tor, kein Licht, nur ein Symbol, das hinter dem Schiff verschwand. Trotzdem wurde die Besatzung still. Selbst Kell.

Illustration und Liedcover zu Beyond the Blue Frontier
Transmission 13Beyond the Blue FrontierIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Die ersten Systeme waren leer. Ein roter Zwerg, zwei tote Planeten. Dann ein Nebel, in dem die Sensoren Entfernungen falsch maßen. Leena ließ jeden Namen der Besatzung auf einer separaten Frequenz senden. Es war eine Nachstellung der letzten Ilyra-Daten. Nichts antwortete.

Am zwanzigsten Tag stritten Iko und Leena. „Sie suchen keine Erklärung“, sagte er. „Sie suchen Ihre Mutter.“

„Natürlich.“

Die direkte Antwort nahm ihm den Schwung. Leena fuhr fort: „Aber wenn sie tot ist, bleibt das Phänomen. Wenn sie lebt, bleibt das Phänomen ebenfalls. Beides ist Forschung.“

„Und wenn Sie uns wegen eines Geistes weiterziehen lassen?“

„Dann halten Sie mich auf. Dafür sind Sie hier.“

Iko nickte, nicht versöhnt, aber ernst genommen.

Am zweiundvierzigsten Tag entdeckte Samir eine Welt mit flüssigem Wasser. Kell wollte landen und Besitzbojen setzen. Die Atmosphäre enthielt komplexe organische Spuren. Leena verweigerte eine Landung, bis eine Kontamination ausgeschlossen war. Kell aktivierte heimlich eine Boje. Mara fing sie mit dem Manövrierarm ein, bevor sie die Atmosphäre erreichte.

„Das ist Vertragsbruch“, sagte Kell.

„Nein“, antwortete Mara. „Das ist Müllentsorgung.“

In der Nacht manipulierte Kell die Navigation. Die Asterion sollte automatisch zu Beacon Blue zurückkehren. Iko bemerkte die Änderung. Die Besatzung sperrte Kell in seinem Quartier. Damit war die Expedition endgültig außerhalb ihres Auftrags.

Am dreiundvierzigsten Tag erschien ein goldener Puls auf den Sensoren. Zu regelmäßig für einen Stern, zu langsam für ein Ortungssignal. Er kam aus einem Gebiet ohne sichtbare Materie. Iko prüfte alle Systeme und fand keinen internen Ursprung.

Der Puls wiederholte sich. Sieben Schläge. Pause. Sieben Schläge.

Leena gab den Befehl, die Namen zu senden. Mara Venn. Iko Daran. Samir Ko. Einer nach dem anderen. Das Signal blieb unverändert.

„Messfehler“, murmelte Iko, aber seine Stimme glaubte ihm nicht.

Dann begann der goldene Puls sich zu modulieren. Aus Rauschen wurden Silben. Zuerst sagte er „Mara“. Dann „Iko“. Dann jeden Namen, in genau der Reihenfolge ihrer Übertragung. Kell hörte es aus seinem Quartier und verlangte, sofort umzukehren.

Leena wartete auf ihren Namen. Als er kam, klang er nicht wie ihre eigene Stimme. Er klang wie Sorell Var.

Auf allen Anzeigen erschienen Koordinaten, tief jenseits der vermessenen Zone. Der Zeitstempel war zwanzig Jahre alt. Danach folgte ein weiterer Name, den niemand an Bord gesendet hatte: Ilyra.

Die Besatzung versammelte sich im Cockpit. Die Vorräte reichten für den Kurs, wenn sie die Rückkehrreserve angriffen. Ohne Reserve gab es keine Garantie, Beacon Blue wieder zu erreichen.

Leena legte den alten Kompass ihrer Mutter auf die Konsole. Die Nadel zitterte, beeinflusst von den Schiffsfeldern, und zeigte in keine sinnvolle Richtung.

„Ich kann euch nicht befehlen, weiterzufliegen“, sagte sie.

Samir sah auf den grünen Planeten hinter ihnen. „Wir sind hierhergekommen, um herauszufinden, ob dort draußen etwas lebt. Etwas hat unsere Namen gesagt.“

Iko atmete lange aus. „Und wenn es eine Falle ist?“

Mara legte die neue Route an. „Dann ist es wenigstens eine wissenschaftlich interessante Falle.“

Selbst Kell schwieg.

Leena blickte auf die Karte. Hinter den Koordinaten ihrer Mutter gab es keine Linien, keine Namen, kein Versprechen. Sie nahm den Kompass und zeichnete mit seiner Spitze einen kleinen goldenen Punkt in das Schwarz.

„Kurs setzen“, sagte sie.

Die Geschichte wird Musik

Beyond the Blue Frontier

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.