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Geschichte 06 / 18

Die Namen von Arken

Eine Vorgeschichte zu The Last Courier

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Across the Galaxy Archives

Die Namen von Arken

Eine Vorgeschichte zu „The Last Courier“

Iven Rook transportierte keine Botschaften, an die er glaubte. Das war seine wichtigste Regel. Glaube machte langsam. Wer wissen wollte, ob eine Nachricht einen Krieg beendete, einen Menschen verriet oder einen Markt zusammenbrechen ließ, begann Fragen zu stellen. Fragen kosteten Zeit. Ein Kurier hatte eine Kapsel, eine Route und eine Empfangsbestätigung. Mehr nicht.

Sein Schiff Courier Seven war für Geschwindigkeit gebaut und für sonst fast nichts. Im Cockpit konnte Iven beide Wände berühren, ohne die Arme auszustrecken. Hinter seinem Sitz lagen ein Sprungkern, zwei Kühlkreisläufe und eine gepanzerte Röhre für Datenkapseln. Kein Bett, keine Küche, kein Platz für Erinnerungen. Iven schlief in Häfen und aß, was durch die Cockpitschleuse passte. Er mochte das. Dinge, die keinen Raum einnahmen, konnten nicht verloren gehen.

Er war auf Arken geboren, einem kleinen Mond im Schatten des Gasriesen Thess. Mit siebzehn verließ er ihn nach einem Streit mit seinem Bruder Cael. Der Streit begann wegen des väterlichen Reparaturladens und endete mit einem Satz, den Iven nie zurücknehmen konnte: „Dann erstick doch hier mit all den anderen.“ Am nächsten Morgen heuerte er auf einem Postschiff an. Er schickte zwei Nachrichten zurück, bekam keine Antwort und entschied, dass Schweigen eine klare Sprache sei.

Vierzehn Jahre später stand Arken unter Blockade. Die Zentralregierung beschuldigte die Mondverwaltung, Rebellen zu versorgen. Arkens Rat bestritt es. Dazwischen lebten vier Millionen Menschen, deren Lebensmittel rationiert und deren Relais abgeschaltet wurden. Iven verfolgte die Meldungen nur, weil sie seine Routen beeinflussten. Er erkannte Straßennamen, Bilder vom alten Markt und die rote Kuppel der Schule. Jedes Mal schaltete er den Kanal weg.

Der Auftrag erreichte ihn auf Port Meridian. Absender: Archiv Arken. Ziel: Leuchtturm Hestia, außerhalb des blockierten Systems. Priorität: Letzte Zustellung. Vergütung: leer.

Iven löschte die Anfrage. Eine Minute später erschien sie erneut. Diesmal hing eine persönliche Datei daran. Cael saß vor einer grauen Wand. Sein Haar war kurz, seine linke Augenbraue von einer Narbe geteilt.

„Wenn du das siehst, hat unser Archiv keine Verbindung mehr“, sagte er. „Ich weiß nicht, ob du noch Kurier bist. Ich weiß nicht einmal, ob du noch lebst. Aber du warst immer gut darin, wegzukommen. Diesmal wäre das nützlich.“

Iven stoppte die Aufnahme. Er ging in die nächste Bar, bestellte etwas Starkes und ließ es unberührt. Nach einer Stunde kehrte er zurück und spielte den Rest.

Cael erklärte, dass die Regierung den Mond evakuieren wolle. Nicht wegen der Rebellen, sondern wegen des Kerns unter der Nordhalbkugel. Jahrzehntelanger Abbau hatte die geologischen Schichten destabilisiert. Die Blockade sollte verhindern, dass Panik die Nachbarsysteme erreichte. Das Archiv sammelte Beweise: Messdaten, Regierungsbefehle, Evakuierungslisten. Vor allem aber Stimmen. Jeder Bewohner konnte einen Namen, eine Erinnerung oder eine Nachricht hinterlassen. Wenn Arken verloren ging, sollte niemand später behaupten, dort hätten nur Zahlen gelebt.

„Die Kapsel ist zu groß für unsere Drohnen“, sagte Cael. „Und jedes registrierte Schiff wird abgefangen. Courier Seven hat noch die alte Wartungskennung von Vater. Vielleicht erkennen die Bodenscanner sie.“ Er blickte zur Seite, als hätte jemand den Raum betreten. „Iven, ich bitte dich nicht, nach Hause zu kommen. Ich bitte dich nur, uns herauszubringen.“

Iven nahm den Auftrag an.

Um Arken zu erreichen, flog er nicht durch das Haupttor. Er ließ Seven an einen Schrottfrachter koppeln, der leere Reaktorhüllen zur Entsorgung brachte. Drei Stunden lag er ohne Energie zwischen Metallteilen, während Patrouillen den Frachter scannten. Das Cockpit wurde kalt. Iven hörte seinen eigenen Atem und dachte an den Reparaturladen, in dem Cael jeden Abend die Werkzeuge nach Größe sortiert hatte.

Der Frachter setzte die Hüllen im äußeren Orbit aus. Iven trennte sich im Trümmerschatten und fiel mit ausgeschalteten Triebwerken auf den Mond zu. Die alte Wartungskennung öffnete tatsächlich einen schmalen Versorgungskanal. Oben tobte die Blockade, unten führten ihn automatische Leuchten zu einer Landebucht, die seit Jahren nicht benutzt worden war.

Cael wartete allein. Die Brüder erkannten einander sofort und wussten trotzdem nicht, wie sie sich begrüßen sollten. Schließlich sagte Cael: „Du siehst aus wie Vater, wenn du wütend bist.“

Illustration und Liedcover zu The Last Courier
Transmission 06The Last CourierIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

„Du siehst aus wie Mutter, wenn du lügst.“

„Dann sind wir quitt.“

Sie umarmten sich nicht. Cael führte ihn in das Archiv. In den Gängen lagen Kabel auf dem Boden, Menschen sprachen in Mikrofone, Kinder warteten mit Zetteln in den Händen. Eine alte Frau diktierte Rezepte. Ein Bergmann nannte die Namen seiner Schicht. Ein Mädchen beschrieb den Geruch nach Regen in den Tunneln, obwohl es auf Arken nie geregnet hatte. Die Dateien flossen in eine schwarze Kapsel, kaum größer als ein Sarg.

„Wie viele?“, fragte Iven.

„Drei Millionen Einträge. Die anderen Stationen senden noch.“

„Und die Evakuierung?“

Cael lachte ohne Freude. „Es gibt Schiffe für die Verwaltung und die Minengesellschaft. Für den Rest gibt es Durchhalteparolen.“

Ivens Regel begann zu zerfallen. Die Kapsel war nicht nur Fracht. Jeder Datensatz besaß eine Stimme, und jede Stimme machte das Gewicht größer, obwohl die Masse gleich blieb.

Ein Beben lief durch das Archiv. Staub fiel von der Decke. Auf den Anzeigen breitete sich ein roter Riss über die Nordhalbkugel aus. Der Kern hatte früher nachgegeben als berechnet. Cael ordnete die Versiegelung der Kapsel an. Techniker schoben sie zum Aufzug.

„Du kommst mit“, sagte Iven.

„Ich muss die Außenarchive einsammeln.“

„Dafür ist keine Zeit.“

„Dann bleiben ihre Stimmen hier.“

Iven packte ihn am Mantel. Vierzehn Jahre Wut standen zwischen ihnen, plötzlich klein gegen die bebende Wand. „Ich bin nicht zurückgekommen, um dich wieder zu verlieren.“

Cael sah auf seine Hand. „Du bist für die Kapsel gekommen.“

„Ich kann für zwei Dinge gekommen sein.“

Ein zweites Beben warf sie gegeneinander. Der Aufzug blieb stehen. Die Kapsel musste über eine Rampe zur Landebucht gebracht werden. Menschen aus dem Archiv halfen, obwohl jeder von ihnen wusste, dass das Schiff nur zwei Sitze hatte. Am Ende standen sie im roten Licht der Bucht und sahen zu, wie Iven die Kapsel verriegelte.

Cael stieg nicht ein. Er hatte seinen Platz einer zwölfjährigen Netztechnikerin gegeben, die den Verschlüsselungsschlüssel kannte. „Ohne sie kann Hestia die Daten nicht öffnen“, sagte er.

Iven zog ihn zur Schleuse. „Dann sitzt sie auf meinem Schoß.“

„Seven hebt mit drei Personen und der Kapsel nicht ab.“

Iven wusste, dass es stimmte. Cael drückte ihm die Messingmarke des alten Reparaturladens in die Hand. „Vater sagte immer, eine Reparatur sei erst beendet, wenn jemand die Maschine wieder benutzen kann. Bring sie dazu, uns zu hören.“

„Cael—“

„Du schuldest mir keine Entschuldigung. Nur eine Empfangsbestätigung.“

Die Schleuse schloss zwischen ihnen. Iven setzte das Mädchen in den Notsitz und startete. Durch die Scheibe sah er Cael mit den Archivmitarbeitern zurückweichen. Niemand winkte. Dafür war der Augenblick zu endgültig.

Courier Seven schoss aus der Bucht, Sekunden bevor ein Riss die Landefläche teilte. Sofort erfassten Patrouillen seine Signatur. Warnungen füllten das Cockpit. Iven kannte jede Abfangroute, jeden toten Winkel und jede Grenze seines Schiffes. Zum ersten Mal in seinem Leben reichte Schnelligkeit vielleicht nicht.

Hinter ihm leuchtete Arkens Horizont rot. Vor ihm lagen geschlossene Sprungtore und der ferne Leuchtturm Hestia. In der gepanzerten Röhre warteten Millionen Stimmen. Das Mädchen neben ihm hielt den Verschlüsselungsschlüssel mit beiden Händen.

Iven öffnete den Schub bis zum Anschlag. Seine alte Regel war fort. Er glaubte an jede einzelne Nachricht.

Die Geschichte wird Musik

The Last Courier

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.