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Geschichte 12 / 18

Keine Lieferung

Eine Vorgeschichte zu Smuggler’s Run

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Keine Lieferung

Eine Vorgeschichte zu „Smuggler’s Run“

Rian Vale trug zwölf Jahre lang die Uniform der Grenzpatrouille. Sie war dunkelblau, schwer und so geschnitten, dass jeder darin gerader stand. Seine Mutter bewahrte ein Foto vom ersten Tag auf: Rian mit kurz geschorenem Haar, stolz neben einem Patrouillenschiff. Damals glaubte er, Grenzen seien Linien, an denen Ordnung begann. Auf der einen Seite Gesetze, auf der anderen Menschen, die sie brechen wollten.

Die Kolonie Myra lag jenseits der Cobalt-Grenze. Sie baute seltene Mineralien ab und war vollständig von Importen abhängig. Als die Minengesellschaft Steuern verweigerte, verhängte die Zentralregierung ein Embargo. Offiziell durfte nur militärisch geprüfte Hilfe passieren. Praktisch blieben Container monatelang in Kontrollhäfen stehen. Rian inspizierte Frachter, versiegelte Laderäume und schrieb Beschlagnahmungsberichte.

Beim ersten Einsatz fand er Insulinampullen hinter einer falschen Wand. Der Pilot behauptete, sie seien für Kinder auf Myra. Rian kannte jeden Schmugglersatz. Medizin. Hunger. Familie. Er beschlagnahmte die Ladung und erhielt eine Belobigung.

Drei Wochen später zeigte ein Nachrichtensender Bilder aus einer Klinik. Im Hintergrund hielt eine Ärztin leere Ampullen hoch. Vier Kinder waren gestorben. Rian erkannte die Chargennummer auf dem Karton. Er schaltete den Bildschirm aus und sagte sich, ein Einzelfall ändere nichts am Gesetz.

Einzelfälle häuften sich. Ersatzteile für Wasserfilter. Antibiotika. Nährlösung. Alles konnte theoretisch für die Minen umgeleitet werden und fiel unter die Sperre. Rian begann Berichte so langsam zu schreiben, dass verderbliche Ladungen manchmal „versehentlich“ freigegeben wurden. Sein Vorgesetzter bemerkte es. „Wir sind keine Ärzte“, sagte Kommandantin Sorr. „Wenn jeder Beamte nach Gefühl entscheidet, ist die Grenze wertlos.“

„Vielleicht ist sie das.“

Sorr strich ihm zwei Streifen aus der Dienstakte. Beim nächsten Verstoß drohte Entlassung.

Der nächste Verstoß kam in Form von Dr. Leyla Sen. Sie wartete nach Schichtende in Rians Wohnung. Wie sie hineingekommen war, erklärte sie nicht. Auf seinem Tisch legte sie eine Ampulle, ein Foto und einen Frachtplan ab. Das Foto zeigte einen Jungen mit dunklen Locken und einem Ausschlag am Hals.

„Kellan-Fieber“, sagte Leyla. „Auf Myra breitet es sich in den Wohnsektoren aus. Unbehandelt liegt die Sterblichkeit bei dreißig Prozent.“

Rian kannte sie aus den Nachrichten. „Warum kommen Sie zu mir?“

„Weil Sie vor zwei Monaten einen Wasserfilter passieren ließen.“

„Dafür gibt es keine Beweise.“

„Deshalb komme ich zu Ihnen und nicht zu jemandem mit Beweisen.“

Die Medikamente warteten auf Orpheus Station. Genug für fünftausend Menschen. Kein lizenzierter Transporteur wollte die Blockade brechen. Leyla brauchte ein Schiff und jemanden, der die Patrouillenmuster kannte.

„Wenn ich erwischt werde, gelte ich als Terrorist“, sagte Rian.

„Wenn Sie nichts tun, gelten Sie als Beamter.“

Illustration und Liedcover zu Smuggler’s Run
Transmission 12Smuggler’s RunIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Er warf sie hinaus. Die Ampulle und das Foto ließ sie liegen.

In dieser Nacht rief Rian seine Mutter an. Sie lebte auf einer Agrarstation und erzählte von ihren Tomaten. Er fragte, ob sie das Foto von seiner Vereidigung noch habe. „Natürlich“, sagte sie. „Du wolltest immer Menschen beschützen.“

„Ich wollte das Gesetz schützen.“

„Mit acht wolltest du die Nachbarskatze aus einem Rohr holen. Gesetze kamen später.“

Am Morgen reichte Rian seine Kündigung ein. Kommandantin Sorr las sie, schloss die Tür und stellte den Stift beiseite. „Wenn Sie gehen, werden die Muster geändert.“

„Dann sollte ich schnell sein.“

Sorr sah ihn lange an. „Ich habe nichts gehört.“ Sie schob ihm seine Dienstmarke zurück. Auf der Rückseite hatte sie einen Code notiert: die Kennung eines alten Minenfelds nahe der Grenze.

Rian kaufte einen Frachter, der offiziell nicht flugfähig war. Der Vorbesitzer nannte ihn Moth, weil seine Lichter ständig flackerten. Rian entfernte den Transponder, baute Zusatztanks in den Boden und schwärzte die Außenhaut. Leyla organisierte die Medikamente. Zwei Tage arbeiteten sie ohne Schlaf.

„Sie sehen nicht wie ein Schmuggler aus“, sagte sie.

„Wie sehen Schmuggler aus?“

„Weniger ordentlich.“

Rian betrachtete die beschrifteten Werkzeugfächer und riss die Etiketten ab.

Die Route führte durch drei Kontrollzonen. Die erste passierte Moth als Wartungsschiff. In der zweiten nutzte Rian eine alte Patrouillenkennung. Beim dritten Kontrollpunkt wartete die Aegis, sein früheres Schiff. Kommandantin Sorr führte das Kommando.

„Unbekannter Frachter, Energie reduzieren und Kennung senden.“

Rian antwortete nicht. Leyla saß angeschnallt neben den Kühlcontainern. Auf ihrem Terminal stiegen die Infektionszahlen. Alle sechs Stunden starben weitere Menschen.

Die Aegis erfasste Moth. Ein Warnsignal zeigte Waffenaufschaltung. Rian kannte Sorrs Vorgehen. Erst Triebwerke, dann Lebenserhaltung, niemals Cockpit. Er drehte in Richtung des alten Minenfelds.

„Sind die Minen aktiv?“, fragte Leyla.

„Einige.“

„Wie viele?“

„Genug.“

Moth stieß die Hälfte des Treibstoffs aus. Rian schaltete alle Systeme ab. Das Schiff wurde kalt und trieb zwischen den Minensignaturen wie ein Stück Wrack. Ohne Energie sanken Temperatur und Sauerstoff. Leyla hielt die Medikamentenkühlung mit einer tragbaren Batterie am Leben. Rian hörte die Scannerimpulse der Aegis durch die Hülle.

Ein Patrouillenboot kam näher. Scheinwerfer wanderten über Moth. Im Cockpit zeigte kein Licht, dass zwei Menschen den Atem anhielten. Rian dachte an seine Uniform, an das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Es hatte immer eine richtige Seite gegeben, solange er nicht nach den Menschen darunter fragte.

Das Patrouillenboot drehte ab. Die Aegis schickte eine letzte Nachricht auf offenem Kanal: „Trümmerfeld ohne relevante Signatur. Suche beendet.“ Sorrs Stimme blieb neutral. Rian schloss die Augen. Vielleicht hatte sie ihn nicht erkannt. Vielleicht war dies ihre eigene Form des Schmuggels.

Er wartete, bis die Sensoren leer waren. Dann startete er die Notversorgung. Moth hatte nur noch genug Treibstoff für einen Versuch. Hinter dem letzten Grenzmond lag Myra. Auf dem Kanal kamen gebrochene Kliniksignale herein.

Leyla prüfte die Ampullen. „Wenn wir landen, gibt es kein Geld“, sagte sie.

„Gut.“

„Keinen Schutz. Keine Anerkennung.“

Rian legte die Hände an die Steuerung. „Es ist keine Lieferung.“

„Was dann?“

Vor ihnen erschien die dunkle Kolonie. Auf der Nachtseite blinkte ein einziges grünes Landelicht.

„Etwas, das nie hätte aufgehalten werden dürfen.“

Die Geschichte wird Musik

Smuggler’s Run

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.