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Geschichte 15 / 18

Der rote Schal

Eine Vorgeschichte zu A Signal from Home

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Across the Galaxy Archives

Der rote Schal

Eine Vorgeschichte zu „A Signal from Home“

Jessa Marr unterschrieb den Vertrag an einem Dienstag, weil dienstags ihre Mutter im Chor sang. Sie wollte vermeiden, dass der Anruf sofort beantwortet wurde. Die Stelle lag auf der Forschungsstation Kepler Far, acht Sprünge außerhalb der Kernsysteme. Vier Jahre Dienst, hohe Gefahrenzulage, anschließende Rente. Durch Zeitverschiebung und Relaiswege konnten auf der Erde fast zwölf Jahre vergehen. Jessa redete sich ein, Zahlen seien leichter zu erklären als Abschied.

Ihre Mutter Ina rief zurück, noch bevor Jessa den Vertrag schließen konnte. Der Chor war ausgefallen. „Vier Jahre“, sagte Jessa.

„Für dich.“

„Ich komme mit genug Geld zurück, um das Haus zu reparieren.“

„Das Haus braucht keine zwölf Jahre. Es braucht ein Dach.“

Sie stritten über Feuchtigkeit im Keller, Jessas Karriere und den Birnbaum im Garten, als wären es dieselben Dinge. Am Ende sagte Ina: „Nimm wenigstens den roten Schal. Dort draußen ist es kalt.“ Jessa lachte. Auf einer Raumstation regulierte Technik die Temperatur. Ihre Mutter packte den Schal trotzdem in den Koffer.

Kepler Far untersuchte Gravitationswellen. Die Station kreiste nahe einem dichten Sternencluster, wo Zeit minimal anders verlief. Die Arbeit war anspruchsvoll, die Aussicht unfassbar und die Besatzung freundlich genug. Jessa schickte jede Woche Nachrichten nach Hause. Ina antwortete mit Aufnahmen aus der Küche. Sie berichtete vom Wetter, Nachbarn und dem Birnbaum, der nach Jahren plötzlich wieder Früchte trug.

Die Verzögerung betrug anfangs zwei Monate. Dann sechs. Im zweiten Dienstjahr brach ein Konflikt im Meridian-Korridor aus. Relais wurden militärisch genutzt und zivile Daten zurückgestellt. Nachrichten kamen in Bündeln oder gar nicht. Jessa erhielt an einem Tag zwölf Aufnahmen, die über neun Monate verteilt gesendet worden waren. In der ersten strich Ina die Küche gelb. In der letzten saß sie im Krankenhaus und behauptete, es sei nur eine Untersuchung.

Jessa beantragte vorzeitige Rückkehr. Der Stationsrat lehnte ab. Ohne sie konnte das Messprogramm nicht fortgeführt werden; der Vertrag sah eine Ablösung erst im Notfall vor. „Meine Mutter ist ein Notfall“, sagte Jessa.

„Nicht für die Station“, antwortete der Administrator.

Sie hasste ihn für die Wahrheit des Satzes.

Illustration und Liedcover zu A Signal from Home
Transmission 15A Signal from HomeIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Ina erholte sich zunächst. Ihre nächsten Nachrichten waren fröhlicher. Sie trug den roten Schal, den Jessa vergessen hatte – tatsächlich hatte Jessa ihn am Abflugtag aus dem Koffer genommen, weil er zu viel Platz beanspruchte. Ina winkte damit in die Kamera. „Siehst du? Einer von uns hört auf mich.“

Im dritten Dienstjahr fiel das Meridian-Relais vollständig aus. Kepler Far besaß genug Vorräte, aber keine private Verbindung. Jessa schrieb weiterhin Nachrichten und speicherte sie: Geburtstagsgrüße, Entschuldigungen, Beschreibungen der Sterne. Sie stellte sich vor, alles später in der Küche abzuspielen. Ina würde über die Länge klagen und nichts überspringen.

Als die Verbindung nach achtzehn Monaten zurückkehrte, kam keine Nachricht von Ina. Stattdessen meldete sich ein Nachbar. Das Haus sei verkauft. Ina sei vor elf Monaten gestorben. Lungenentzündung, Komplikationen, sehr schnell. Sie habe bis zuletzt gefragt, ob Jessas Vertrag bald ende.

Jessa sah die Nachricht im Kontrollraum. Um sie herum arbeiteten Menschen weiter. Gravitationswellen liefen als farbige Linien über Bildschirme. Eine Kollegin legte ihr die Hand auf die Schulter. Jessa stand auf, ging in ihre Kabine und fand keinen Gegenstand, der nach ihrer Mutter roch.

Sie beendete die vier Jahre. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil Rückkehr jede Bedeutung verloren hatte. Danach verlängerte sie zweimal. Kepler Far wurde zu dem Ort, an dem niemand ihre frühere Version kannte. Sie sprach selten über die Erde. Die gespeicherten Nachrichten löschte sie nicht, hörte sie aber nie wieder an.

Dreizehn Jahre und vier Monate nach ihrem Abflug wurde die Station modernisiert. Ein Techniker übertrug alte Daten aus beschädigten Relaisspeichern. „Marr“, sagte er eines Tages, „hier ist ein Paket mit Ihrer Familienkennung. Sehr alt. Prüfsumme teilweise defekt.“

Jessa sah den Dateinamen. INA_KUECHE_44. Das Datum lag wenige Wochen vor dem Tod ihrer Mutter. Sie sagte dem Techniker, er solle es löschen.

„Sicher?“

„Es ist beschädigt.“

„Nur am Ende. Der größte Teil ist lesbar.“

Jessa nahm den Speicher an sich und legte ihn in die Schublade. Dort blieb er sieben Monate.

Inzwischen hatte Kepler Far eine neue Besatzung. Eine junge Technikerin namens Sol bezog die Nachbarkabine und kochte jeden Sonntag für alle, die kommen wollten. Jessa lehnte meistens ab. Eines Abends roch es nach Birnen und Gewürzen. Sol hatte ein Rezept ihrer Großmutter ausprobiert.

Der Geruch öffnete etwas, das Jessa sorgfältig verschlossen hatte. Sie ging in ihre Kabine, holte die Datei und setzte sich vor den Bildschirm. Trotzdem drückte sie nicht auf Start.

Sie erinnerte sich an den letzten Morgen zu Hause. Ina hatte im Garten gestanden, den roten Schal über dem Arm. Jessa war zu beschäftigt mit dem Gepäck gewesen, um den Birnbaum anzusehen. „Wenn du zurückkommst, ist er größer als das Dach“, hatte Ina gesagt. Jessa versprach, ein Bild aus dem All zu schicken, auf dem man das Haus sehen könne. Natürlich war das unmöglich.

Nach dem Tod hatte Jessa das Haus über einen Bevollmächtigten verkaufen lassen. Die neuen Besitzer schickten eine Kiste mit persönlichen Dingen. Sie stand ungeöffnet im Stationslager. Jessa holte sie am nächsten Tag. Darin lagen Fotos, ein Rezeptbuch, die Messingdose mit Chornoten und ganz unten der rote Schal. Er roch nicht mehr nach Ina, nur nach Staub und dem Konservierungsmittel der Fracht.

Jessa trug ihn in die Beobachtungskuppel. Die Erde war von dort aus nicht sichtbar. Ihr Licht hatte Jahre gebraucht und war zwischen Milliarden Sternen ununterscheidbar. Sol fand sie dort.

„Willst du nicht wissen, was sie gesagt hat?“, fragte die junge Frau.

„Ich weiß, was sie gesagt hat. Dass ich heimkommen soll.“

„Vielleicht. Vielleicht hat sie auch über das Wetter geredet.“

Jessa musste lachen, obwohl es wehtat. Ina hatte über jedes Wetter geredet.

Sie kehrte in die Kabine zurück. Die Datei wartete auf dem Bildschirm. Dreizehn Jahre und vier Monate hatte eine Stimme gebraucht, um sie zu erreichen. Jessa legte den roten Schal um die Schultern. Dann schloss sie die Tür, atmete ein und berührte das Startsymbol.

Die Geschichte wird Musik

A Signal from Home

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.