Across the Galaxy Archives
Der letzte Morgen von Navira
Eine Vorgeschichte zu „Departure Sequence“Mara Venn erwachte drei Minuten vor dem Wecksignal, weil die Fensterscheibe zitterte. Ein Frachter stieg über dem östlichen Deich auf, langsam genug, dass sein blauer Triebwerkskegel zwischen den Wohntürmen hängen blieb. Früher hatte sie jeden Start am Klang erkannt. Tankschiffe dröhnten tief und ungeduldig, Postkutter pfiffen in den oberen Lagen, und die alten Personentransporter klapperten beim Abheben, als würden sie lose Schrauben über den Himmel verteilen. Dieser Frachter klang sauber. Wahrscheinlich ein neues Modell, gebaut auf einer Welt, die noch Geld für neue Dinge hatte. Mara blieb liegen, bis das Leuchten über die Zimmerdecke gestrichen und wieder verschwunden war.
Ihr Apartment war bereits halb ausgeräumt. Zwischen den hellen Rechtecken, die Bilderrahmen an der Wand hinterlassen hatten, klebte noch der Plan des Raumhafens von Navira. Mara hatte ihn mit zwölf aus einer Müllpresse gezogen, geglättet und über ihr Bett gehängt. Damals waren die Startbahnen für sie keine Linien, sondern Versprechen gewesen. Später hatte sie gelernt, wie viel Treibstoff ein Versprechen kostete, wie viele Formulare es benötigte und wie leicht ein einziger Fehler daraus ein Protokoll machte. Neben der Tür stand der einzige Koffer, den sie mitnehmen würde. Darin lagen zwei Uniformhemden, Werkzeug, ein Paar feste Stiefel und die kleine Messingplakette ihres Vaters: ORBITALDIENST NAVIRA – ELIAS VENN – FLUGLEITUNG.
In der Küche wartete ihre Schwester Lio mit Kaffee. Sie hatte nicht gefragt, ob Mara wirklich gehen wollte. Diese Frage war in den vergangenen Monaten zu oft gestellt worden und jedes Mal an derselben Stelle zerbrochen. „Mutter ist wach“, sagte Lio. „Sie tut nur so, als wäre sie es nicht.“ Mara nickte und trank. Der Kaffee schmeckte nach Metall und gerösteten Algen, so wie alles auf Navira seit der Salzsturm die südlichen Plantagen vernichtet hatte. Draußen lagen die Deiche schwarz unter dem Regen. Hinter ihnen stieg das Meer jedes Jahr um weitere acht Zentimeter.
„Du könntest bei der Hafenaufsicht anfangen“, sagte Lio. „Karsen hat noch einmal angerufen.“
„Karsen braucht jemanden, der seine Zahlen unterschreibt.“
„Er braucht jemanden, der weiß, wann eine Schleuse gefährlich ist.“
Mara stellte die Tasse ab. Vor ihrem inneren Auge erschien wieder Dock Sieben: die Wartungsanzeige auf Gelb, die Passagierbrücke voller Menschen, der Einsatzleiter, der den Start freigab, weil eine Verspätung Vertragsstrafen ausgelöst hätte. Mara hatte widersprochen. Nicht laut genug, wie sie sich seitdem jeden Morgen sagte. Als die Dichtung riss, starben drei Techniker im Vakuum der Startgrube. Einer davon war ihr Flugschüler gewesen. Die Untersuchung gab dem Materialversagen die Schuld, die Firma dem Technikerteam und die Presse dem Wetter. Mara unterschrieb gar nichts. Deshalb hatte sie seit vierzehn Monaten kein Cockpit mehr von innen gesehen.
Ihre Mutter lag im abgedunkelten Schlafzimmer und hielt die Augen geschlossen, bis Mara sich auf die Bettkante setzte. „Welches Schiff?“, fragte sie.
„Die Nadir.“
„Klingt nach einem Ort, an dem man nicht sein sollte.“
„Ein Kartierungsschiff. Kleine Besatzung. Keine Passagiere.“

„Und kein Rückflugdatum.“
Mara betrachtete die Hände ihrer Mutter. Früher hatten sie in der Deichwerft Kabelstränge gezogen, dick wie Baumstämme. Jetzt zitterten sie schon, wenn sie ein Glas anhob. Die Medikamente im Nachtschrank trugen das Zeichen derselben Firma, die Dock Sieben betrieben hatte. Auf Navira gehörte alles jemandem, der weit genug entfernt lebte, um das Wasser nicht steigen zu sehen.
„Ich schicke Geld“, sagte Mara.
„Das tun alle, die gehen.“ Die Mutter öffnete die Augen. „Sie schicken Geld. Dann Bilder. Dann Ausreden. Irgendwann schicken sie gar nichts mehr, weil die Nachrichten zwölf Jahre unterwegs sind und niemand weiß, wer noch lebt.“
Mara wollte widersprechen, doch sie besaß nur Sätze, die sich wie Lügen anhörten. Die Nadir sollte hinter die Blaue Grenze fliegen, dorthin, wo Relais nur noch als theoretische Punkte in Navigationsmodellen existierten. Der Vertrag sprach von achtzehn Monaten Bordzeit. Für Navira konnten, je nach Sprungfenster, sieben Jahre vergehen. Sie hatte das ihrer Mutter erklärt. Sie hatte es sich selbst erklärt. Beides änderte nichts.
Auf dem Weg zum Hafen nahm Mara die Küstenbahn. Das Abteil war fast leer. An der dritten Station stieg ein Schuljunge ein, eine Pilotenmütze aus Papier auf dem Kopf. Er kniete auf dem Sitz und zählte die aufsteigenden Schiffe. Bei jedem Start hob er die Hände, als könne er die Maschinen tragen. Mara erkannte sich so deutlich in ihm, dass sie den Blick abwenden musste. In den Salzgärten lagen verlassene Häuser bis zu den Fenstern im Wasser. Auf einem Dach stand in großen weißen Buchstaben: WIR WAREN HIER. Die Bahn fuhr daran vorbei, ohne langsamer zu werden.
Der Raumhafen roch nach Ozonschaum, Hydrauliköl und nasser Kleidung. Am Sicherheitstor erwartete sie Chief Narek, ein breitschultriger Mann mit einer künstlichen linken Wange. „Venn“, sagte er und musterte ihren Koffer. „Ich hatte mit mehr gerechnet.“
„Mehr Gepäck?“
„Mehr Zögern.“
Er führte sie durch Bereiche, die sie auswendig kannte und die ihr trotzdem fremd vorkamen. Die alten Schilder waren ersetzt worden. Dock Sieben war hinter einer Wand verschwunden, auf der eine Versicherung für sorglose Reisen warb. Mara blieb nicht stehen. Sie hätte auf die Wand einschlagen, Namen darauf schreiben oder wenigstens hinsehen können. Stattdessen ging sie weiter, und gerade das fühlte sich wie Verrat an.
Die Nadir lag in Startbucht Neunzehn. Sie war kleiner als auf den technischen Zeichnungen, ein dunkler Keil zwischen Versorgungsarmen und Treibstoffleitungen. Keine elegante Maschine. Die Außenhaut zeigte reparierte Einschläge, und am Steuerbordflügel war ein Stück in einer anderen Legierung ersetzt worden. Mara mochte sie sofort. Ein makelloses Schiff behauptete, dass noch nie etwas schiefgegangen war. Ein geflicktes Schiff bewies, dass jemand nach dem Fehler weitergemacht hatte.
Im Cockpit schaltete sie die Systeme einzeln zu. Energieverteilung. Lebenserhaltung. Navigationskern. Fernkommunikation. Jeder Ton fand einen Platz in ihrem Körper, den sie lange leer gehalten hatte. Ihre Hände erinnerten sich, bevor ihr Kopf es tat. Sie prüfte die Verriegelungen zweimal, dann ein drittes Mal. Als der Bordcomputer eine Abweichung im Kühlkreislauf meldete, ließ sie den Start unterbrechen. Narek sah sie nur an, rief ein Team und wartete. Niemand drängte. Niemand erwähnte Gebühren. Eine poröse Leitung wurde gewechselt. Sie verloren sechsunddreißig Minuten und retteten vielleicht nur einen Sensor. Für Mara war es der Augenblick, in dem die Nadir wirklich ihr Schiff wurde.
Kurz vor dem Schließen der Schleuse kam Lio über die Besucherbrücke gerannt. Sie trug keinen Mantel, der Regen glänzte in ihren Haaren. In der Hand hielt sie den alten Hafenplan. „Du hast ihn vergessen.“
„Absichtlich.“
„Dann nimm ihn trotzdem.“ Lio drückte ihr das gefaltete Papier gegen die Brust. „Nicht damit du zurückfindest. Damit du weißt, wo du angefangen hast.“
Sie umarmten sich zu lange für die Wartenden und zu kurz für sieben mögliche Jahre. Lio flüsterte: „Wenn du irgendwo ankommst, sag ihnen, dass Navira noch da ist.“ Mara versprach es. Erst als die Schleusentür geschlossen war, bemerkte sie, dass Lio die Messingplakette des Vaters an den Plan geklebt hatte.
Die Startfreigabe verzögerte sich wegen des Wetters. Mara saß angeschnallt im Pilotensitz und hörte den Regen gegen die Hülle schlagen. Auf Kanal vier liefen Abschiede: eine Mutter, die ihrem Sohn befahl, regelmäßig zu essen; ein Händler, der über fehlende Kisten stritt; ein Kind, das immer wieder „Noch einmal winken“ sagte. Mara suchte den privaten Familienkanal, fand aber nur Stille. Ihre Mutter würde nicht sprechen. Vielleicht konnte sie es nicht. Vielleicht wollte sie Mara nicht mit einem letzten Satz belasten.
Dann flackerte eine Übertragung auf. So schwach, dass der Computer sie beinahe verwarf. Das Bild blieb schwarz, aber die Stimme ihrer Mutter war klar. „Mara, ich habe dir vorhin nicht alles gesagt. Dein Vater ist nicht geblieben, weil er keine Angst hatte. Er ist geblieben, weil ich Angst hatte. Du schuldest uns keine Wiederholung.“ Ein Atemzug, fernes Rauschen. „Flieg sorgfältig. Nicht vorsichtig. Das ist nicht dasselbe.“
Mara speicherte die Nachricht dreimal. Sie legte den Hafenplan unter die Konsole, dort, wo andere Piloten Notfallkarten aufbewahrten. Draußen zogen sich die Versorgungsarme zurück. Zum ersten Mal sah sie Navira nicht als Heimat, Gefängnis oder Schuld. Der Planet war ein Ort, an dem Menschen sie liebten und Fehler geschehen waren. Beides durfte wahr sein.
„Nadir, hier Flugleitung“, sagte eine junge Stimme. „Alle Ports versiegelt. Route bestätigt. Bereit für die Abflugsequenz?“
Mara legte die Hände auf die Steuerflächen. Vor der Scheibe öffnete sich das Dach der Startbucht. Regen fiel herein und verdampfte über den Triebwerksgittern. Dahinter lag der Morgen, bleich und riesig. Sie dachte an den Jungen in der Bahn, an die Namen von Dock Sieben, an ihre Mutter und an die unbekannten Himmel jenseits der Karten.
„Nadir an Flugleitung“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte nicht. „Bereit.“
Über der Konsole wechselten die letzten Kontrollleuchten von Rot auf Grün. Der Countdown erschien.
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