← Zur Sammlung

Geschichte 17 / 18

Der Mann im Relais

Eine Vorgeschichte zu Across the Galaxy

Lesen

Across the Galaxy Archives

Der Mann im Relais

Eine Vorgeschichte zu „Across the Galaxy“

Orin Pell arbeitete in einem Relais, das niemand mehr brauchte. Meridian Zwölf hing zwischen zwei stillgelegten Sprungrouten und verstärkte Signale für weniger als dreißig Schiffe im Monat. Früher waren es tausende gewesen. Nun führten neue private Netze an der Station vorbei. Orin blieb als einziger Operator, zusammen mit einem Wartungsroboter, der jedes Gespräch mit „Anfrage verstanden“ begann, auch wenn er nichts verstand.

Die Kündigung kam an einem Montag. Der Konzern werde Meridian Zwölf in vier Wochen deaktivieren. Orin sollte Archive löschen, sensible Schlüssel entfernen und die Station unbemannt zurücklassen. Für historische Daten bestand kein wirtschaftlicher Aufbewahrungsgrund.

Orin las die Nachricht und blickte auf die Speicherwände. Ein Relais bewahrte nicht nur Wörter. Es hielt Rufe fest, die keinen Empfänger erreicht hatten: verspätete Geburtstagsgrüße, Positionsmeldungen, letzte Worte, falsche Frequenzen. Vorschriften verlangten ihre automatische Löschung nach dreißig Tagen. Orin hatte diese Regel seit Jahren ignoriert. Nicht aus Sentimentalität, sagte er sich, sondern zur Fehleranalyse.

Im ältesten Speicher lag ein Ruf von Haul Nine-Seven, beschädigt durch einen Sonnensturm. Ein Fahrer versprach seiner Tochter, am siebten Bordtag anzurufen. Ein anderes Paket enthielt achtzehn Tickets des Midnight Starliner und eine Beschwerde der Betriebsleitung über eine unerlaubte Umleitung. Es gab den Namen einer Reisenden ohne Heimatadresse, den Wartungsbericht einer Mechanikerin und ein medizinisches Frachtsignal, das offiziell nie die Cobalt-Grenze passiert hatte.

Orin kannte diese Menschen nicht. Trotzdem hatte er ihre Spuren repariert, verstärkt und weitergeschickt. Manchmal kam eine Empfangsbestätigung. Meistens nicht.

In der zweiten Woche vor der Abschaltung fing Meridian Zwölf einen schwachen Notruf auf. „Icarus Finch. Pilot Tomas Vale. Medizinische Fracht für Pelion.“ Die Position lag außerhalb des regulären Netzes. Orin leitete den Ruf an eine Rettungsstelle. Das private Protokoll verweigerte die Übertragung, weil die Finch keine aktuelle Netzlizenz besaß.

Orin überschrieb die Sperre. Die Rettungsstelle bestätigte den Empfang. Drei Stunden später kam eine Antwort: Signal lokalisiert, Bergung unterwegs. Der Konzern registrierte den unbefugten Transfer und entzog Orin die Administratorrechte.

„Anfrage verstanden“, sagte der Wartungsroboter, als Orin ihm erklärte, dass sie entlassen seien.

Ohne Administratorrechte konnte er die Station nicht ordnungsgemäß herunterfahren. Ein Technikerteam sollte in zehn Tagen kommen. Orin hätte warten können. Stattdessen entdeckte er in den Diagnosekanälen etwas Seltsames: Signale aus unabhängigen Netzen überlagerten sich bei Meridian Zwölf. Ein goldenes Echo von jenseits der Blauen Grenze. Ein Archivpaket aus Arken. Der Takt eines Kolonieschiffs und eine beschädigte Datei mit der Kennung INA_KUECHE_44. Keines war an die Station adressiert. Sie trafen sich dort, weil alte Relaisprotokolle offener waren als neue.

Die privaten Netze hielten jeden Kanal getrennt. Frachtverkehr, Personenlinien, Forschung und Militär benutzten inkompatible Schlüssel. Effizient, sicher, profitabel. Ein Pilot in Not konnte ein Schiff in Sichtweite haben und es trotzdem nicht rufen.

Orin begann, eine Brücke zu bauen. Kein neues Netz, nur einen Übersetzer, der offene Notsignale auf alle Frequenzen spiegelte. Der Wartungsroboter half, alte Antennen zu reaktivieren. „Anfrage verstanden“, sagte er bei jedem Schritt. Zum ersten Mal stimmte es vielleicht.

Der Konzern bemerkte den Energieverbrauch. Eine Supervisorin erschien auf dem Bildschirm. „Herr Pell, Sie manipulieren Eigentum.“

Illustration und Liedcover zu Across the Galaxy
Transmission 17Across the GalaxyIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

„Ich repariere ein Relais.“

„Das Relais wird abgeschaltet.“

„Dann kann die Reparatur nicht lange stören.“

Sie drohte mit Vertragsstrafen und Strafanzeige. Orin fragte, wie viel ein geretteter Pilot in der Bilanz wert sei. Die Verbindung endete.

In der letzten Nacht schaltete der Konzern die Fernsteuerung ab. Meridian Zwölf fiel auf Notenergie. Orin hatte sechs Stunden, bevor die Batterien leer waren. Er aktivierte die Brücke.

Zunächst kam nur Rauschen. Dann ein CB-Ruf: „Haul Nine-Seven, hört jemand die Ostlinie?“ Orin antwortete nicht selbst. Er spiegelte das Signal. Eine Station meldete freie Andockplätze. Kurz darauf rief ein Zug auf einer alten Magnetschiene nach einer Wetterroute. Ein Forschungsschiff von jenseits der Karte sendete einen goldenen Puls. Die Brücke übersetzte ihn nicht, aber sie trug ihn weiter.

Ein Kanal nach dem anderen erwachte. Stimmen fragten nach Treibstoff, Medizin, Kursdaten. Andere boten Hilfe an. Eine Pilotin am Rand eines Schwarzen Lochs sendete Positionsdaten von Rettungskapseln. Ein Kolonieschiff bestätigte, dass viertausend Passagiere sicher waren. Manche Signale waren aktuell, andere Jahre alt und nur durch Verzögerungen gleichzeitig eingetroffen. Für Meridian Zwölf existierten sie in derselben Nacht.

Orin öffnete einen allgemeinen Ruf. „Unbekannte Teilnehmer, dies ist ein freies Relais. Kennungen sind freiwillig. Nennen Sie nur, was Sie brauchen oder geben können.“

Der erste Antwortende fragte: „Wer bezahlt die Verbindung?“

Orin sah auf die sinkende Energie. „Heute niemand.“

Danach meldeten sich mehr Schiffe. Ein Rennkanal stellte Sensorbilder eines instabilen Gravitationsfelds zur Verfügung. Eine Bergungspilotin warnte vor einem Wrack, das Stimmen imitierte. Ärzte auf Myra teilten Daten über das Kellan-Fieber. Ein Generationenschiff übertrug Saatgutkataloge. Menschen, die einander nie begegnen würden, begannen Informationen weiterzureichen.

Der Konzern schickte ein Abschaltkommando. Der Wartungsroboter blockierte es mit einer Diagnoseanfrage. „Anfrage verstanden“, sagte er zufrieden.

Noch dreißig Minuten Energie.

Orin hörte einen schwachen Satz, der auf hunderten Kanälen wiederkehrte: „Are you receiving me?“ Manche Stimmen waren klar, andere zerstückelt. Vielleicht stammte die Frage aus einem alten Navigationstest. Vielleicht hatten Reisende sie voneinander übernommen. Über Jahre war sie zu etwas geworden, das Menschen sendeten, wenn technische Information nicht mehr genügte.

Orin stellte die Brücke so ein, dass jede empfangene Frage an alle aktiven Teilnehmer ging.

Zuerst antwortete Haul Nine-Seven: „Receiving.“ Dann der Midnight Starliner. Eine Forschungsstation, ein Schmuggler, eine Stimme aus einem Kryoschiff. Weitere kamen hinzu. Nicht gleichzeitig, nicht sauber, aber genug, dass das Rauschen eine Struktur erhielt.

Das Technikerteam näherte sich Meridian Zwölf. Orin konnte ihre Kennung sehen. In zwölf Minuten würden sie andocken und die Verbindung trennen. Die Energie reichte für neun.

Er hätte die Archive sichern können. Stattdessen öffnete er alle Speicher. Millionen unzugestellter Pakete wurden nicht wahllos gesendet, sondern ihre Kennungen in ein öffentliches Suchverzeichnis geschrieben. Jeder konnte prüfen, ob irgendwo eine Nachricht wartete. Vielleicht würden manche nur Schmerz bringen. Orin glaubte nicht, dass er entscheiden durfte, welche Stimmen vergessen wurden.

Die Batterien fielen auf ein Prozent. Der Wartungsroboter fragte: „Weitere Anfrage?“

Orin sah die Antwortsignale über die Karte wandern. Routen, Grenzen und Eigentumsnetze verschwanden unter einem Geflecht aus Stimmen.

„Ja“, sagte er. „Halte es offen.“

Das Relais wurde dunkel. Für einen Atemzug brach die Brücke ab. Dann sprang eine externe Energiequelle an. Haul Nine-Seven hatte sein Übertragungsmodul gekoppelt. Weitere Schiffe speisten Leistung ein. Aus einer Station, die niemand mehr brauchte, war ein Netz geworden, das niemand allein besaß.

Orin setzte sich vor das Mikrofon. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn sprach er nicht als Operator einer Firma.

„Meridian Zwölf an alle“, sagte er. „Wir empfangen euch.“

Die Geschichte wird Musik

Across the Galaxy

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.