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Geschichte 07 / 18

Der elfte Name

Eine Vorgeschichte zu Radio Silence

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Der elfte Name

Eine Vorgeschichte zu „Radio Silence“

Tomas Vale sprach mit Maschinen, seit er denken konnte. Als Kind saß er unter dem Küchentisch, während sein Bruder Neven alte Empfänger reparierte. Aus Kopfhörern rauschten Wetterdaten, Hafenrufe und Stimmen fremder Menschen. Neven behauptete, jedes Rauschen enthalte eine Ordnung, wenn man nur lange genug zuhörte. Er summte dabei immer dieselbe schiefe Melodie, vier Töne hinauf, drei hinunter. Tomas konnte sie noch hören, Jahre nachdem die Küche nicht mehr ihrer Familie gehörte.

Neven wurde Funktechniker auf dem Meridian-Netz. Tomas wurde Pilot. Es passte zu ihnen: Der eine hielt Verbindungen offen, der andere verschwand hinter Horizonten. Sie stritten selten und sahen einander noch seltener. Jeden siebten Tag schickte Neven einen kurzen Ruf, egal wo Tomas flog: „Vale Zwei an Vale Eins. Bist du noch da draußen?“ Tomas antwortete mit Kennung und Position. Es war ein Spiel aus Kindertagen und später eine Gewohnheit, die keiner von beiden erklären musste.

Dann wurde das Meridian-Netz privatisiert. Relais mit zu wenig Verkehr galten als unrentabel. Neven warnte, dass die stillgelegten Stationen ganze Korridore ohne Reserve ließen. Sein Bericht verschwand in einer Verwaltungsschleife. Drei Monate später brach während eines Sonnensturms die Verbindung zu einer Bergbaukolonie ab. Neven überbrückte die Sperre, aktivierte ein ausgemustertes Relais und rettete die Evakuierungsdaten. Dafür verlor er seine Stelle: unbefugter Zugriff, Sachbeschädigung, Gefährdung kommerzieller Infrastruktur.

Tomas wollte helfen. Neven lehnte Geld ab und nahm Arbeit auf einem kleinen Reparaturschiff an. „Du kannst nicht jede kaputte Antenne tragen“, sagte er.

„Du versuchst es doch auch.“

„Ja. Sieh dir an, wohin mich das gebracht hat.“

Ihr letzter Streit fand über eine schlechte Verbindung statt. Tomas warf Neven vor, aus Stolz jede Hilfe abzulehnen. Neven sagte, Tomas sei nur dann ein Bruder, wenn es in seinen Flugplan passe. Tomas beendete den Kanal. Am siebten Tag darauf kam kein Ruf. Auch am vierzehnten nicht.

Das Reparaturschiff war in einem Magnetsturm verschwunden. Man fand Trümmer, aber keine Rettungskapseln. Die Behörden erklärten die Besatzung nach sechs Monaten für tot. Tomas hörte die offizielle Nachricht dreimal an und wartete danach jeden siebten Tag am Funk. Ein Jahr lang. Er wusste, dass es irrational war. Neven hatte selbst gesagt, Hoffnung ohne Signal sei nur eine andere Form von Rauschen.

Tomas begann längere Strecken zu fliegen. In der Nähe bewohnter Systeme konnte jeder Kanal versehentlich Nevens Stimme tragen. Draußen gab es weniger Möglichkeiten und damit weniger Enttäuschungen. Er arbeitete für Vermessungsfirmen, Postdienste und einmal für eine Sekte, die heilige Asche zu einem Kometen bringen ließ. Er war zuverlässig, nüchtern und gut darin, allein zu sein. Das glaubten zumindest die Auftraggeber.

Im Cockpit führte Tomas Listen. Nicht über Fracht oder Treibstoff; dafür gab es Computer. Er schrieb die Namen der Menschen auf, die er unterwegs traf: Mechaniker, Zollbeamtinnen, ein Kind, das ihm an einem Gate eine Zeichnung schenkte. Zehn Namen pro Reise. Vor jedem Sprung las er sie laut. Neven hatte ihm als Kind erzählt, ein Mensch verschwinde erst, wenn niemand mehr seinen Namen sage. Tomas wusste, dass das nicht wissenschaftlich war. Er tat es trotzdem.

Der Auftrag nach Pelion klang einfach. Ein medizinisches Analysemodul musste durch den Varda-Korridor zu einer Forschungsstation. Drei Tage Flug, ein stabiler Sprung, gute Bezahlung. Der direkte Korridor besaß nur noch ein aktives Relais. Das zweite war im Zuge der Privatisierung abgeschaltet worden. Tomas kannte den Bericht. Nevens Name stand als Autor darunter.

Illustration und Liedcover zu Radio Silence
Transmission 07Radio SilenceIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

„Warten Sie auf die nächste Konvoiphase“, riet die Hafenmeisterin. „In fünf Tagen fliegen drei Frachter.“

Die Forschungsstation meldete einen Ausbruch. Fünf Tage bedeuteten möglicherweise Tote. Tomas prüfte das Wettermodell. Ein kleiner Magnetsturm zog am Rand des Korridors entlang, schwächer als jener, der Nevens Schiff genommen hatte.

„Ich fliege jetzt“, sagte er.

Vor dem Start nahm er eine Audiodatei auf. Nicht für die Firma, sondern für den Fall, dass jemand seinen Speicher fand. „Tomas Vale, Pilot der Icarus Finch. Route Varda nach Pelion. Fracht medizinisch. Entscheidung zum Einzelstart durch mich.“ Er zögerte. Dann fügte er hinzu: „Neven, falls du irgendwo zuhörst: Du hattest recht mit den Relais.“

Der erste Flugtag verlief ruhig. Tomas nannte seine zehn Namen, prüfte das Modul und kochte Suppe. Am Abend empfing er die automatische Warnung des Meridian-Netzes: Relais Varda Zwei außer Betrieb. Varda Eins arbeite im Notmodus. Er hätte umkehren können. Hinter ihm lag ein Tor in Reichweite. Vor ihm Pelion.

Die Forschungsstation schickte neue Zahlen. Dreiundvierzig Infizierte, zwei Kinder in kritischem Zustand. Das Analysemodul in Tomas’ Laderaum konnte innerhalb von Stunden passende Antikörper bestimmen. Tomas hielt Kurs.

Am zweiten Tag traf der Sturm früher ein. Zuerst flackerten nur die Sterne auf dem Sensorbild. Dann zog ein grüner Schleier über das Cockpitfenster. Die Funkkanäle füllten sich mit Stimmen, die nicht existierten: Fragmente alter Verkehrsmeldungen, Werbung, ein Notruf von vor sieben Jahren. Magnetfelder spielten gespeicherte Signale aus der Schiffshülle zurück.

Tomas hörte Nevens Melodie.

Vier Töne hinauf, drei hinunter. Klar genug, dass seine Hand über dem Empfänger erstarrte. Er suchte die Frequenz, verstärkte sie, filterte das Rauschen. Die Melodie brach ab. Stattdessen sagte eine fremde Stimme das Wort „Kurs“. Dann nichts.

„Icarus Finch an unbekannte Station“, rief Tomas. „Wiederholen Sie.“

Keine Antwort.

Der Sturm traf die Kommunikationsantenne wie ein Schlag. Sicherungen sprangen, das Cockpit wurde dunkel. Notlicht ging an. Tomas schaltete die Systeme manuell zurück, doch die Fernantenne blieb stumm. Das aktive Relais war hinter ihm vom Netz verschwunden. Vor ihm antwortete Pelion nicht.

Er konnte weiterfliegen. Die Navigation lief unabhängig, und der Treibstoff reichte. Doch ohne Relais gab es keine aktualisierten Sprungkoordinaten. Ein Fehler von wenigen Dezimalstellen konnte die Finch Wochen vom Ziel entfernt auswerfen. Tomas berechnete die Route aus den letzten Daten. Neven hätte gesagt, dass ein Pilot nicht auf Hoffnung navigiert.

Tomas drehte nicht um.

Der Sprung funktionierte – fast. Die Finch trat im äußeren Pelion-System aus, elf Flugtage von der Station entfernt statt zwei Stunden. Der Sturm hatte den Hauptantrieb beschädigt. Die Lebenserhaltung reichte für sechzehn Tage. Das medizinische Modul für dreißig. Tomas sendete auf allen Frequenzen, aber ohne Fernantenne schaffte sein Ruf kaum mehr als die Entfernung zu einem Mond.

Am ersten Tag sagte er die zehn Namen seiner Liste. Danach fügte er Neven als elften hinzu.

Am zweiten Tag baute er aus der Landeschüssel und Teilen des Radars eine provisorische Antenne. Am dritten sendete er seine Kennung. Am vierten hörte er nur statische Entladungen. Die Tage verloren ihre Unterschiede. Tomas hielt sich an Abläufe: Wasser, Reparatur, Signal, Schlaf. Vor jedem Einschlafen summte er vier Töne hinauf und drei hinunter.

Am zehnten Tag fiel die Heizung aus. Tomas saß im Anzug vor der Konsole. Die Forschungsstation wusste vermutlich nicht einmal, dass er das System erreicht hatte. Vielleicht waren die Kinder längst tot. Vielleicht war das Modul nutzlos. Er dachte daran, die Energie der Antenne in den Antrieb umzuleiten und irgendwo zu landen. Es wäre vernünftig gewesen. Neven hatte ihn immer ausgelacht, wenn er Vernunft mit Feigheit verwechselte.

Am elften Tag öffnete Tomas den Kanal erneut. Seine Stimme war heiser. „Icarus Finch. Pilot Tomas Vale. Medizinische Fracht für Pelion. Position folgt.“ Er nannte die Koordinaten, dann die zehn Namen seiner Liste. Beim elften hielt er inne.

„Neven Vale“, sagte er. „Funktechniker. Mein Bruder. Er hätte diese Leitung offengehalten.“

Das Rauschen antwortete nicht. Tomas ließ den Kanal offen und lehnte den Kopf gegen den Sitz. Irgendwo in der weißen Leere glaubte er die alte Melodie zu hören. Diesmal griff er nicht sofort nach den Filtern. Er hörte einfach zu.

Die Geschichte wird Musik

Radio Silence

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.