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Geschichte 14 / 18

Die Hüter des Morgens

Eine Vorgeschichte zu Pilgrims of the Stars

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Across the Galaxy Archives

Die Hüter des Morgens

Eine Vorgeschichte zu „Pilgrims of the Stars“

Auf der Arche Mnemosyne begann jedes Schuljahr mit einer Lüge. Die Kinder versammelten sich im Beobachtungssaal, das Licht wurde gelöscht, und auf der Kuppel erschien die Erde: blaue Meere, weiße Wolken, grüne Kontinente. Die Lehrkräfte sagten: „So sah unser Zuhause aus.“ Niemand im Raum hatte es gesehen. Selbst die Großeltern ihrer Großeltern waren erst lange nach dem Start geboren worden.

Ilyra Dane unterrichtete Geschichte in Generation 107. Sie war neunundsiebzig und kannte mehr Versionen der Erde als Gesichter in ihrer Klasse. In den ältesten Aufnahmen war sie überfüllt und krank. In den Feierliedern war sie ein verlorenes Paradies. In den technischen Archiven war sie eine Startplattform. Ilyra sagte ihren Schülern, alle drei Bilder könnten wahr sein. Die Schulleitung bat sie regelmäßig, weniger kompliziert zu erklären.

Die Mnemosyne war seit dreihundertachtundzwanzig Jahren unterwegs. Ihr Ziel, Eidon, lag noch vier Generationen entfernt. Niemand an Bord hatte die Reise gewählt. Dennoch beruhte jedes Gesetz auf dem Versprechen der ersten Besatzung, das Ziel zu erreichen. Man pflegte Gärten, reparierte Motoren und plante Geburten nach Ressourcenquoten. Persönliche Freiheit endete dort, wo sie die Ankunft gefährdete.

Nara Sol war zwölf und stellte Fragen, die Erwachsene unruhig machten. „Was, wenn Eidon schlecht ist?“, fragte sie am ersten Schultag. „Was, wenn die Sonden gelogen haben? Was, wenn wir einfach hierbleiben?“

„Hier ist ein Schiff“, sagte ein Mitschüler. „Kein Ort.“

Nara legte die Hand an die Wand. „Für mich ist es der einzige Ort.“

Ilyra gab ihr keine schnelle Antwort. Stattdessen führte sie die Klasse in das Archiv der Namen. Dort standen an einer gebogenen Wand alle Menschen, die auf der Mnemosyne gelebt hatten. Über hunderttausend. Manche Namen waren groß, weil sie Kapitäne gewesen waren. Andere klein, weil von ihnen nur eine Geburts- und Sterbezeit geblieben war.

„Warum haben die Ersten eine Reise begonnen, die sie selbst niemals beenden konnten?“, fragte Nara.

Ilyra zeigte auf die Wand. „Darauf gibt es so viele Antworten wie Namen.“

Naras eigener Vater arbeitete im Navigationskern. Ihre Mutter leitete die Geburtseinheit. In diesem Jahr durfte sie wegen der Bevölkerungsquote kein zweites Kind bekommen. Nara hörte ihre Eltern nachts darüber streiten. Der Rat hatte entschieden, Generation 108 um zwölf Prozent zu verkleinern, weil ein Algenkreislauf instabil war. Hinter jeder Zahl stand ein Kind, das nicht geboren werden durfte.

Illustration und Liedcover zu Pilgrims of the Stars
Transmission 14Pilgrims of the StarsIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Gleichzeitig fiel im Gartenring ein Bestäuberstamm aus. Ohne die kleinen Insekten sanken die Erträge. Techniker schlugen synthetische Bestäubung vor, doch dafür fehlte Energie. Die Mnemosyne begann, Reserven zu verbrauchen, die für die letzten Reisejahre gedacht waren.

Eine politische Gruppe namens Anker verlangte, den Kurs zu verlassen und einen nahe gelegenen Mond zu besiedeln. Der Mond besaß Wasser, aber kaum Atmosphäre. Ein Leben dort wäre hart, vielleicht unmöglich. Trotzdem sagten die Anker: Lieber eine Welt, die wir selbst wählen, als ein Ziel, das Tote für uns gewählt haben.

Naras älterer Bruder Tovin schloss sich ihnen an. Er war neunzehn und sollte gegen seinen Willen Kühltechniker werden, weil das Berufssystem es so berechnet hatte. „Wir sind keine Pilger“, sagte er. „Wir sind Fracht, die gelernt hat zu sprechen.“

Ilyra verstand seine Wut. Ihr eigener Partner hatte vor fünfzig Jahren eine ähnliche Frage gestellt und war bei einem unerlaubten Außenflug gestorben. Trotzdem wusste sie, dass ein Kurswechsel mehr war als Rebellion. Er entschied über Menschen, die noch nicht geboren waren.

Der Rat setzte eine Abstimmung an. Zum ersten Mal seit sechs Generationen durfte die gesamte erwachsene Bevölkerung über den Kurs entscheiden. Die Archive wurden geöffnet, damit jeder die ursprünglichen Missionsdaten prüfen konnte. Nara half Ilyra, alte Dateien zu ordnen. Dabei fanden sie eine Nachricht der ersten Kapitänin, die nie im Lehrplan erwähnt wurde.

Die Frau saß in einem provisorischen Cockpit, hinter ihr die brennende Erde. „An jene, die uns eines Tages verfluchen werden“, begann sie. „Ihr habt recht. Wir entscheiden ohne eure Zustimmung. Wir geben euch ein Ziel und nennen es Hoffnung. Vielleicht ist es nur unsere Angst vor dem Ende. Wenn ihr einen besseren Weg findet, schuldet ihr uns keinen Gehorsam. Schuldet nur denen nach euch dieselbe Sorgfalt, die ihr von uns verlangt.“

Ilyra spielte die Datei dem Rat vor. Beide Seiten versuchten sofort, sie für sich zu beanspruchen. Die Kapitänin erlaube den Kurswechsel, sagten die Anker. Sie fordere Sorgfalt, sagte die Missionsführung. Nara hörte etwas anderes: Die Toten verlangten nicht, dass man ihnen gehorchte. Sie verlangten, dass man Verantwortung nicht mit Freiheit verwechselte.

Am Tag vor der Abstimmung brach der Algenkreislauf vollständig zusammen. Sauerstoffwerte fielen. Eine Evakuierung des Gartenrings begann. Tovin und die Anker hätten das Chaos nutzen können, um den Navigationskern zu übernehmen. Stattdessen gingen sie in die Gärten und halfen bei der Reparatur. Tovin kannte die Kühlleitungen besser, als er zugeben wollte.

Nara trug Kästen mit den letzten Bestäubern in einen sicheren Sektor. Einer öffnete sich. Hunderte kleine Insekten flogen durch den Korridor, taumelnd im Notlicht. Menschen blieben stehen und fingen sie mit Händen, Tüchern, Bechern. Ratsmitglieder, Kinder, Anker, Techniker. Für eine Stunde gab es keine Fraktionen, nur Lebewesen, die einander brauchten.

Der Kreislauf stabilisierte sich. Zwölf Menschen wurden verletzt, niemand starb. Die Abstimmung fand trotzdem statt. Eine knappe Mehrheit entschied, den Kurs nach Eidon beizubehalten – aber mit einer neuen Klausel: Jede Generation musste das Ziel erneut bestätigen. Pilgerschaft war keine ererbte Pflicht mehr, sondern eine wiederholte Entscheidung.

Tovin verlor und blieb. „Ich bin immer noch gegen den Kurs“, sagte er zu Nara.

„Warum gehst du nicht zum Mond?“

„Weil wir dort niemanden haben, der die Kühler repariert.“ Er grinste schief. „Und weil ich bei der nächsten Abstimmung wieder Nein sagen will.“

Monate später begann Generation 108. Die Geburtenquote blieb kleiner, aber Naras Mutter durfte eine Tochter betreuen, deren Eltern beim Gartenunfall gestorben waren. Nara hielt das Baby im Beobachtungssaal. Draußen war Eidon erstmals nicht nur ein Lichtpunkt. Die Teleskope zeigten einen blassen Ozean und eine dünne grüne Linie.

„Wird sie dort ankommen?“, fragte Nara.

Ilyra rechnete im Kopf. Das Kind konnte sehr alt werden und den Orbit vielleicht noch erleben. „Möglicherweise.“

„Und wir?“

„Nein.“

Nara betrachtete das Baby. „Dann machen wir alles für jemanden, der sich nicht an uns erinnern wird.“

Ilyra blickte auf die Namenwand, die Gärten und den Stern. „Ja“, sagte sie. „Das ist eine der wahreren Definitionen von Hoffnung.“

Die Geschichte wird Musik

Pilgrims of the Stars

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.