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Geschichte 16 / 18

Die Sekunde ohne Rückweg

Eine Vorgeschichte zu Through the Event Horizon

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Die Sekunde ohne Rückweg

Eine Vorgeschichte zu „Through the Event Horizon“

Kade Arin und Sol Venn lernten sich in einem Seminar über Dinge kennen, die nicht zurückkehren. Kade behauptete, der Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs sei keine Grenze, sondern eine Frage des Beobachters. Sol antwortete, jede Grenze sei für jemanden real, der sie nicht wieder überschreiten könne. Der Professor gab beiden schlechte Noten wegen unnötiger Philosophie. Drei Jahre später heirateten sie.

Kade wurde Pilot für extreme Gravitationsmissionen. Sol baute Zeitmodelle. Gemeinsam arbeiteten sie am Orpheus-Projekt, einem Forschungsschiff, das den Rand des Schwarzen Lochs Mnemosyne vermessen sollte. Ihre Beziehung bestand aus widersprüchlichen Talenten: Kade entschied schnell, Sol zweifelte präzise. Im Cockpit rettete sie das. Zu Hause führte es dazu, dass sie vier Monate über die Farbe einer Wand stritten.

Das Orpheus-Projekt endete nach einem politischen Wechsel. Die Geldgeber zogen sich zurück, das Schiff wurde eingelagert. Kade wechselte zu Rettungsflügen. Sol nahm eine Professur an. Sie sagten, der neue Alltag sei sicherer. Tatsächlich vermissten beide den gemeinsamen Horizont, wagten aber nicht, es auszusprechen.

Dann verschwand die Kolonie Rhea. Sie kreiste auf einer Forschungsplattform nahe Mnemosyne und untersuchte Energiegewinnung aus der Akkretionsscheibe. Ein Strahlungsausbruch traf ihre Kommunikation. Das letzte Signal meldete, die Evakuierungskapseln seien gestartet. Ihre Navigationsdaten lagen jedoch im Hauptspeicher der Plattform. Ohne sie konnte keine Rettungsflotte berechnen, wo die Kapseln aus der Zeitverzerrung auftauchen würden.

Der Rat brauchte ein Schiff, das nahe genug an den Ereignishorizont fliegen konnte. Orpheus war das einzige. Kade meldete sich sofort. Sol lehnte ab.

„Die Plattform fällt“, sagte sie. „In unserer Zeit haben wir sechs Stunden. Dort unten vielleicht Minuten.“

„Dann reichen Minuten.“

„Das ist genau die Art Satz, wegen der Piloten Gedenktafeln bekommen.“

Kade ging allein zur Einsatzbesprechung. Als er das Cockpit betrat, saß Sol bereits am Zeitmodell.

„Ich komme nicht deinetwegen“, sagte sie. „Jemand muss verhindern, dass du eine Grenze für eine Meinung hältst.“

Orpheus erwachte widerwillig. Systeme waren veraltet, die Hülle aber intakt. Die Besatzung bestand nur aus ihnen und einem jungen Ingenieur namens Parel. Mehr Menschen hätten die Rettungskapsel überlastet. Der Plan war einfach genug, um gefährlich zu sein: Plattform erreichen, Speicher auswerfen lassen, Daten aufnehmen, mit maximalem Schub zurück.

Je näher sie Mnemosyne kamen, desto weniger stimmten ihre Uhren überein. Sekunden auf der Plattform wurden zu Minuten im Schiff, Minuten draußen zu Stunden für die entfernte Flotte. Sol berechnete ständig neue Fenster. Kade folgte einem Pfad aus Licht, das um das Schwarze Loch gebogen wurde. Vor ihnen erschien die Rückseite des Sternenfelds, als hätte der Raum sich selbst umgestülpt.

Sie fanden Rhea. Die Plattform war teilweise zerstört und drehte sich. Der automatische Auswurf reagierte nicht. Parel musste hinüber, um den Speicher manuell zu lösen.

„Zu viel Trümmerbewegung“, sagte Kade.

„Ohne Daten finden wir die Kapseln nicht“, antwortete Parel. Er war auf Rhea geboren. Seine Schwester befand sich in einer der Evakuierungskapseln.

Illustration und Liedcover zu Through the Event Horizon
Transmission 16Through the Event HorizonIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Sol verband seinen Anzug mit der Schiffszeit. „Du hast sieben Minuten lokal. Für uns können es neun oder zehn sein. Hör auf meine Zählung, nicht auf deine Uhr.“

Parel sprang. Im verzerrten Licht wirkte seine Bewegung gleichzeitig langsam und abrupt. Sol führte ihn zwischen Trümmern hindurch. Kade hielt Orpheus gegen die Gezeitenkräfte. Der Speicher löste sich in der sechsten Minute. Dann traf ein Metallstück Parels Antrieb.

Er trieb von der Plattform weg – in Richtung Horizont.

Kade brach den Kurs und folgte. Sol sah die Rückkehrberechnung rot werden. „Wenn wir tiefer gehen, verlieren wir das Fenster.“

„Ich lasse ihn nicht.“

„Dann verlieren wir die Kapseln.“

Es war keine Entscheidung zwischen richtig und falsch. Es war eine Entscheidung zwischen Namen. Kade steuerte weiter. Sol fluchte, löschte das alte Modell und begann neu.

Orpheus fing Parel mit dem äußeren Greifarm. Gleichzeitig brach der Steuerbordmotor unter der Belastung zusammen. Das Schiff kippte. Der Speicher schlug gegen die Hülle, blieb aber verankert. Kade gab Gegenschub. Zu wenig.

„Rückkehrkurs?“, fragte er.

Sol starrte auf Linien, die sich schneller änderten, als sie rechnen konnte. „Nicht mehr außen herum.“

„Welche Alternative?“

Sie zeigte auf eine schmale Flugbahn entlang der inneren Akkretionskante. Ein Manöver, das Orpheus durch die ergosphärische Rotation schleudern konnte. Wenn es gelang, würden sie Energie gewinnen. Wenn nicht, überschritten sie den Ereignishorizont.

„Wahrscheinlichkeit?“, fragte Kade.

„Für eine Zahl fehlt uns Zeit.“

Parel kam durch die Schleuse, halb bewusstlos. Sol lud die Daten. Die Positionen der Rettungskapseln erschienen und wurden sofort an die Flotte gesendet. Eine Bestätigung kam zurück, stark verzögert: Daten empfangen. Suche beginnt.

Damit war die Mission erfüllt. Orpheus nicht gerettet.

Sie begannen das Manöver. Kade steuerte nach Sols Stimme. Außen raste Licht in Bögen. Im Schiff liefen Uhren rückwärts, sprangen vor und blieben stehen. Ein Warnsignal endete, bevor es begonnen hatte. Parel fragte dreimal dasselbe und erinnerte sich nicht an die Antworten.

Kade sah im Fenster eine Spiegelung von sich und Sol. Für einen Moment waren sie alt. Dann jung. Dann fehlte Sol aus dem Bild, obwohl sie neben ihm saß. Er griff nach ihrer Hand.

„Wenn wir es nicht schaffen“, sagte er, „wie lange sieht die Außenwelt uns fallen?“

„Theoretisch ewig.“

„Das klingt fast beruhigend.“

„Ist es nicht.“ Sol drückte seine Hand. „Für uns dauert es nur einen Augenblick.“

Der verbleibende Motor überhitzte. Die berechnete Flugbahn wanderte über den Horizont. Sol korrigierte. Kade folgte. Hinter ihnen rettete eine Flotte Menschen, weil ihre Daten angekommen waren. Vor ihnen lag eine Grenze, aus der keine Daten zurückkehrten.

„Noch zwölf Sekunden“, sagte Sol.

Kade dachte an das Seminar, an die Wandfarbe, an all die Abende, die sie für selbstverständlich gehalten hatten. Die Außenwelt konnte ihre Silhouette vielleicht für immer am Rand sehen. Aber Ewigkeit war wertlos, wenn man sie nicht miteinander erlebte.

„Sag meinen Namen“, bat Sol.

„Sol Venn.“

„Kade Arin.“

Sie sprachen die Namen noch einmal. Nicht für die Aufzeichnung und nicht für Menschen draußen. Nur als Beweis, dass sie im selben unmöglichen Moment waren.

Vor der Scheibe verschwand der letzte unverzerrte Stern. Der Countdown zeigte eine Sekunde.

Die Geschichte wird Musik

Through the Event Horizon

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.