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Geschichte 18 / 18

Hinter dem letzten Feuer

Eine Vorgeschichte zu Where the Starlight Ends

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Across the Galaxy Archives

Hinter dem letzten Feuer

Eine Vorgeschichte zu „Where the Starlight Ends“

Das letzte bekannte Leuchtfeuer hieß Endeavour, ein Name aus einer Zeit, in der Menschen Grenzen optimistisch benannten. Es stand im leeren Raum, versorgt von einem Reaktor, der noch zweihundert Jahre arbeiten sollte. Hinter ihm gab es keine kartografierten Sterne, weil das Licht der nächsten Galaxie zu schwach für die alten Sensoren war. Auf jeder offiziellen Karte endete die befahrbare Welt dort.

Kapitänin Nara Sol hatte nie geplant, Endeavour zu überschreiten. Ihr Schiff Orison sollte das Leuchtfeuer warten, Daten sammeln und umkehren. Eine Routinefahrt von elf Monaten. Die Besatzung bestand aus zwölf Menschen, darunter zwei, die auf Generationenschiffen geboren waren, ein Botaniker, eine Signalhistorikerin und ein Pilot, der vor jedem Start würfelte, obwohl er den Kurs nicht dem Zufall überließ.

Die Probleme begannen auf dem Hinflug. Hinter ihnen schlossen die Kernsysteme wegen eines Krieges die Sprungtore. Orison erhielt den Befehl, bei Endeavour zu warten. Wochen wurden Monate. Nachrichten kamen verspätet und widersprüchlich. Eine Regierung behauptete, alles sei unter Kontrolle. Eine andere erklärte dieselbe Regierung für aufgelöst. Heimathäfen wechselten Besitzer, Verträge verloren Gültigkeit.

Die Besatzung stritt über die Rückkehr. Pilot Eren wollte sofort umdrehen und notfalls ohne Tore fliegen. Botanikerin Sava sagte, die Vorräte reichten nicht für den langen konventionellen Weg. Signalhistorikerin Yuna fing Meldungen von Flüchtlingsschiffen auf, die an gesperrten Grenzen festsaßen. Das bekannte Universum war noch da, aber es erkannte seine eigenen Reisenden nicht mehr.

Nara hielt am Auftrag fest. Sie erreichten Endeavour und begannen die Wartung. Das Leuchtfeuer war älter als alle an Bord. In seinem Archiv lagen Nachrichten von Expeditionen, die bis hierher geflogen und umgekehrt waren. Jede Besatzung hatte etwas hinterlassen: wissenschaftliche Daten, Fotos, Witze, Warnungen. Niemand hatte den Kurs weitergesetzt.

In einem verschlossenen Speicher fand Yuna ein Protokoll, das nicht in den offiziellen Listen stand. Vor fünfundsechzig Jahren hatte das Forschungsschiff Lumen Endeavour passiert. Es sendete noch vier Jahre lang Daten aus der Dunkelzone. Dann brachen die Berichte ab. Die Behörden hatten das Unternehmen verschwiegen, weil die Besatzung eigenmächtig geflogen war.

„Sie waren dort draußen“, sagte Eren. „Also ist es möglich.“

„Sie sind nicht zurückgekommen“, antwortete Sava.

Das letzte Lumen-Paket enthielt Koordinaten und einen Satz: Starlight is not absent. It is waiting ahead of us.

Nara verbot zunächst jede Kursänderung. Ihre Aufgabe war, Menschen sicher nach Hause zu bringen, nicht einen Mythos zu verfolgen. Doch „nach Hause“ wurde täglich unklarer. Eine Nachricht meldete die Zerstörung ihrer Heimatstation. Eine spätere widersprach. Niemand konnte verifizieren, welche wahr war.

Dann traf ein beschädigtes Versorgungsschiff bei Endeavour ein. An Bord waren sechsundvierzig Flüchtlinge, Treibstoff für drei Tage und keine gültige Einreisegenehmigung für irgendein System. Orison nahm sie auf. Die Lebenserhaltung war nun überlastet. Zurück bedeutete, sie zu einer Grenze zu bringen, die sie bereits abgewiesen hatte. Warten bedeutete, Vorräte zu verbrauchen.

Unter den Flüchtlingen war ein alter Ingenieur namens Pell. Er kannte die Lumen. Seine Mutter hatte an ihrem Antrieb gearbeitet. „Sie wollten eine Brücke zur Nachbargalaxie finden“, erklärte er. „Nicht im normalen Raum. Die Koordinaten führen zu einer Strömung aus dunkler Materie. Wenn sie existiert, kann ein Schiff darin treiben wie in einem Fluss.“

Illustration und Liedcover zu Where the Starlight Ends
Transmission 18Where the Starlight EndsIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

„Und wenn nicht?“, fragte Nara.

„Dann ist dort nur sehr viel Nichts.“

Die Besatzung prüfte die Daten. Das Modell war riskant, aber nicht unsinnig. Endeavours Sensoren zeigten tatsächlich eine schwache Verzerrung. Die Strömung führte hinaus, nicht zurück.

Nara berief eine Versammlung ein. Nicht nur die Besatzung, auch die Flüchtlinge sollten entscheiden. „Wir haben drei Möglichkeiten“, sagte sie. „Warten, bis uns jemand holt. Zurückfliegen und hoffen, dass eine Grenze offen ist. Oder den Lumen-Koordinaten folgen.“

„Das ist keine Wahl“, sagte eine Frau. „Das ist eine Liste verschiedener Arten zu sterben.“

„Ja“, antwortete Nara. „Aber eine davon müssen wir gemeinsam tragen.“

Die Abstimmung dauerte bis zum Morgen. Zweiunddreißig wollten zurück. Achtzehn wollten weiter. Acht enthielten sich. Nara bereitete den Rückflug vor.

Dann erreichte Endeavour eine automatische Nachricht aus den Kernsystemen: Alle zivilen Schiffe außerhalb der Sicherheitszone sollten ihre Position halten. Rettung könne nicht garantiert werden. Der Zeitstempel war drei Monate alt. Eine zweite Nachricht, jünger, bestand nur aus Rauschen und der Frage: „Are you receiving me?“

Yuna antwortete. Keine Bestätigung.

Unter den Flüchtlingen brach Panik aus. Einige verlangten eine neue Abstimmung. Nara lehnte ab. Entscheidungen durften nicht bei jeder schlechten Nachricht umgestoßen werden. Doch in derselben Nacht fand sie Sava im Gewächshaus. Die Botanikerin pflanzte Keimlinge in größere Behälter.

„Für den Rückflug brauchen wir sie nicht“, sagte Nara.

„Für das Warten auch nicht.“

„Du hast gegen den Weiterflug gestimmt.“

Sava strich Erde von den Händen. „Ich habe für den Weg gestimmt, bei dem ich wusste, wovor ich Angst habe.“

Nara ging in das Archiv des Leuchtfeuers. Sie sah die Abschiede früherer Besatzungen. Alle sprachen von Heimkehr, als wäre sie der natürliche Abschluss einer Reise. Die Lumen hatte keine Abschiedsbotschaft hinterlassen, nur eine Spur.

Kapitäninnen sollten keine Entscheidung treffen, weil eine Geschichte schön klang. Nara verbrachte zwei Tage mit Berechnungen. Die dunkle Strömung konnte Orison tragen. Endeavour besaß genug Reaktormaterial, um die Vorräte für zehn Jahre zu ergänzen. Man müsste das Leuchtfeuer teilweise demontieren. Danach würde die letzte bekannte Grenze dunkler werden.

Pell schlug vor, einen kleinen Sender zurückzulassen. Nicht so hell wie Endeavour, aber ausreichend, um ihre Route zu markieren. „Wenn jemand nach uns kommt, soll er wissen, dass die Karte nicht hier aufgehört hat.“

Nara ließ erneut abstimmen, diesmal mit vollständigen Daten. Vierundfünfzig Menschen wählten den Weiterflug. Zwölf die Rückkehr. Niemand enthielt sich. Die Minderheit akzeptierte das Ergebnis unter einer Bedingung: Orison musste jederzeit umkehren, solange es physikalisch möglich war.

Sie demontierten Endeavours Reaktorreserven und bauten den kleinen Sender. Jeder Mensch an Bord durfte eine Nachricht darin speichern. Manche nannten Namen. Manche hinterließen Koordinaten verlorener Orte. Eren würfelte vor dem Start und zeigte niemandem das Ergebnis.

Als Endeavour hinter ihnen dunkler wurde, legte Nara den Kurs auf die Lumen-Koordinaten. Die bekannten Sterne wurden schwächer. Tage später waren sie nur noch ein heller Staub hinter dem Schiff. Vor ihnen lag nichts, das menschliche Augen benannt hatten.

Yuna öffnete ein letztes Mal den allgemeinen Kanal. „Orison an alle Stationen. Wir verlassen den kartografierten Raum. Route im Endeavour-Sender hinterlegt.“ Sie wartete. „Are you receiving me?“

Das Rauschen blieb leer.

Nara schloss den Kanal nicht. „Lass ihn offen“, sagte sie. „Nicht für eine Antwort. Für die Nächsten.“

Die Orison trat in die dunkle Strömung ein. Hinter ihr erlosch das letzte Feuer. Vor ihr begann etwas, das noch keinen Namen brauchte.

Die Geschichte wird Musik

Where the Starlight Ends

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.