← Zur Sammlung

Geschichte 03 / 18

Gleis Null

Eine Vorgeschichte zu Midnight Starliner

Lesen

Across the Galaxy Archives

Gleis Null

Eine Vorgeschichte zu „Midnight Starliner“

Der Midnight Starliner wartete unter der Kuppel von Berenice wie ein silberner Gedanke. Keine Räder, keine sichtbaren Kupplungen, nur achtzehn Wagen, die einen Fingerbreit über der Magnetschiene schwebten. An den Flanken liefen Zielnamen in weißem Licht: Aster Vale, Lumen, Port Meridian, Endstation Solares. Für die meisten Menschen in der Abflughalle waren es Orte. Für Salma Rhys, die seit siebenunddreißig Jahren als Zugbegleiterin arbeitete, waren es Antworten auf Fragen, die niemand laut stellte.

Der Zug fuhr nur nachts, obwohl es im Orbit von Berenice keine echte Nacht gab. Die Stationsverwaltung dimmte die Kuppel, projizierte Sterne auf das Glas und nannte das Atmosphäre. Salma mochte diese künstliche Dunkelheit. Menschen benahmen sich anders, wenn sie glaubten, der Tag sei vorbei. Sie sprachen leiser, hielten Abschiede länger fest und erlaubten ihren Gesichtern, müde zu werden.

An diesem Abend standen achtzehn Namen auf der Passagierliste. Nicht ungewöhnlich, aber jeder war mit einem gelben Symbol markiert: Anschluss außerhalb der Kernsysteme. Niemand im Midnight Starliner fuhr nur eine Station. Sie alle verließen etwas.

Der erste Passagier war Hauptmann Eren Vos. Er trug seine Auszeichnungen in einer Schachtel statt an der Uniform. Am Kontrollbogen gab er „Genesungsurlaub“ an, doch seine Hände zitterten, wenn im Bahnhof eine Tür zuschlug. Salma wies ihm Wagen eins zu, weit weg vom Maschinenmodul. Er bedankte sich zu förmlich und fragte, ob die Fenster sich verdunkeln ließen. „Vollständig“, sagte sie. „Oder Sie lassen ein wenig Licht herein. Beides ist erlaubt.“ Vos sah sie an, als hätte seit Jahren niemand so mit ihm gesprochen.

Als Nächste kam eine Frau mit einem Pass, der vier Stunden alt war. Alina Senn, sagte das Dokument. Der Blick der Frau suchte bei jeder Durchsage nach jemandem. Ihr Koffer war zu leicht für eine lange Reise. Salma überprüfte das Hologramm, obwohl sie den Fehler im Geburtscode sofort bemerkte. Ein ungültiger Pass bedeutete Meldung an die Sicherheit. Ein gemeldeter Pass bedeutete, dass die Frau vor Abfahrt abgeholt würde.

„Ihr Geburtsmonat fehlt“, sagte Salma.

Die Frau wurde bleich. „Dann kann ich nicht fahren?“

Salma nahm einen Stift, ergänzte auf dem Papierausdruck eine Null und setzte ihr Dienstsiegel darunter. „Jetzt fehlt er nicht mehr.“ Sie wusste nicht, vor wem Alina floh. Sie wusste nur, wie Menschen aussahen, die um Erlaubnis baten, ihr eigenes Leben zu behalten.

Ein Junge namens Miko stieg mit seinem Vater ein. Der Vater telefonierte, schob drei Koffer gleichzeitig und bemerkte erst am Wagen, dass Miko fehlte. Salma fand das Kind vor der Kuppelscheibe. Es malte mit dem Finger Sonnen in das Kondenswasser. „Auf unserer neuen Welt gibt es zwei“, erklärte es. „Papa sagt, ich werde die alte bald vergessen.“

„Erwachsene sagen vieles, wenn sie selbst Angst haben“, antwortete Salma. Sie führte Miko zu seinem Sitz und gab ihm ein Tuch, mit dem er weiterzeichnen konnte.

Kurz vor Abfahrt erschien eine alte Dame in rotem Mantel. Ihr Ticket war auf einen Mann namens Jun Calder ausgestellt. „Mein Bruder“, sagte sie. „Er wollte die Reise machen.“

„Wo ist er?“

„Seit gestern tot.“

Illustration und Liedcover zu Midnight Starliner
Transmission 03Midnight StarlinerIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Die korrekte Antwort hätte Beileid, Stornierung und Erstattung gelautet. Stattdessen fragte Salma: „Möchten Sie seinen Platz am Fenster?“ Die Dame nickte. Sie hielt das Ticket während der gesamten Kontrolle in beiden Händen, als könne es davon warm werden.

Weitere Menschen kamen: ein Minenarbeiter, dessen Vertrag nach neun Jahren beendet war; zwei junge Frauen, die heimlich die gleichen Ringe trugen; ein Mann mit einem versiegelten Musikinstrument; eine Ärztin, die sich selbst angezeigt hatte, nachdem sie Medikamente an Patienten ohne Bürgerstatus verteilt hatte. In Wagen sechs saß ein Unternehmer, der behauptete, zu einer Konferenz zu fahren, obwohl seine Firma am selben Morgen zusammengebrochen war. Wagen sieben nahm eine schwangere Lehrerin auf, die auf einer Kolonie gebraucht wurde, von der sie nur drei unscharfe Bilder kannte.

Salma begrüßte jeden mit demselben Satz: „Für diese Nacht ist dies Ihr Platz.“ Sie hatte gelernt, nichts von Ankunft zu sagen. Manche Ziele verschwanden, bevor ein Zug sie erreichte. Manche Menschen stiegen unterwegs aus. Gewiss war nur der Platz, den man im Augenblick einnahm.

Um 23:58 meldete die Leitstelle eine Sperre auf der Meridian-Trasse. Militärtransporte hätten Vorrang; der Starliner müsse bis zum Morgen warten. In der Halle bewegte sich sofort die Sicherheit auf Wagen zwei zu. Drei Männer in grauen Mänteln, ohne Gepäck. Alina Senn stand am Fenster und erkannte sie. Salma sah, wie die Frau den Griff ihres Koffers umklammerte.

„Wie lange bis zur technischen Abfahrbereitschaft?“, fragte Salma den Lokführer über den internen Kanal.

„Zwei Minuten.“

„Sie haben dreißig Sekunden.“

„Die Trasse ist gesperrt.“

„Gleis Null nicht.“

Es folgte Stille. Gleis Null war die alte Wartungsstrecke entlang der Außenseite der Station, seit zwölf Jahren für Passagierverkehr verboten. Salma kannte sie, weil sie dort ihre ersten Schichten gefahren war. Die Magnetschienen funktionierten noch; nur die Versicherer mochten sie nicht.

„Wenn ich das tue, verliere ich die Lizenz“, sagte der Lokführer.

„Dann sind wir schon zwei.“

Salma schloss die Türen. Die Männer erreichten Wagen zwei und schlugen gegen die Scheibe. Einer hielt ein amtliches Zugriffssymbol hoch. Salma deaktivierte die Außenkommunikation. Im Zug gingen die Lichter aus, dann sprang die Notversorgung an. Ein sanfter Ruck lief durch die Wagen. Der Midnight Starliner glitt rückwärts aus der Bucht, nicht schnell, aber entschieden.

Auf Gleis Null führte die Strecke direkt unter der Kuppel entlang. Unter ihnen drehte sich der Planet Berenice, blau und von Gewittern überzogen. Über ihnen lag das All ohne die Projektionen der Station. Die Fahrgäste erhoben sich, obwohl die Ansage sie bat, sitzen zu bleiben. Selbst Hauptmann Vos öffnete sein Fenster.

Die Umleitung kostete vierzig Minuten und Salmas Stelle. Noch bevor sie die Haupttrasse erreichten, kam die Nachricht der Betriebsleitung: sofortige Suspendierung, Untersuchung wegen Gefährdung des Verkehrs, mutmaßliche Beihilfe zur Flucht. Salma las sie zweimal und löschte sie. Sie hatte noch neun Stunden Dienst und achtzehn Menschen an Bord.

Im Speisewagen trafen sich die Passagiere zunächst aus Neugier, dann weil niemand schlafen konnte. Der Mann mit dem Instrument öffnete den Kasten. Darin lag eine schmale Resonanzharfe. Er spielte ein altes Lied von der Erde, dessen Worte niemand kannte. Miko malte zwei Sonnen auf jede Serviette. Die Ärztin versorgte die aufgeschürfte Hand der alten Dame. Hauptmann Vos saß am Rand, bis die Lehrerin ihn bat, eine Tasse zu halten, während sie ihren Mantel auszog. Es war eine kleine Bitte, aber sie holte ihn in den Raum zurück.

Alina fand Salma zwischen den Wagen. „Warum haben Sie das getan?“

Salma betrachtete ihr Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Sie sah älter aus als am Nachmittag. „Vor achtundzwanzig Jahren stand meine Schwester in einer Abflughalle“, sagte sie. „Jemand hätte nur eine Tür schließen müssen. Niemand tat es.“

Alina fragte nicht weiter. Sie legte ihre Hand kurz auf Salmas Arm und ging zurück zu den anderen.

Gegen drei Uhr fiel im dritten Wagen die Heizung aus. Joren, der Minenarbeiter, reparierte sie mit einem Stück Draht aus der Resonanzharfe. Der Unternehmer bot an, dafür zu bezahlen, und musste zum ersten Mal an diesem Abend lachen, als alle ihn ansahen. Später erzählte er, dass er nicht zu einer Konferenz fuhr, sondern zu seinem Bruder, den er seit sechzehn Jahren nicht gesprochen hatte. Eine der jungen Frauen gestand, dass ihre Familien nichts von der Hochzeit wussten. Die alte Dame erklärte, sie werde die Asche ihres Bruders an der Endstation in einen echten Fluss streuen. Der Zug wurde nicht zu einer Familie. Dafür kannten sie sich zu wenig. Aber für einige Stunden hörten sie auf, einander Kulissen zu sein.

Salma ging durch die Wagen und prüfte Türen, Temperaturen und Tickets. Bei jedem Platz wusste sie nun nicht nur den Namen, sondern wenigstens einen Grund. Das war mehr, als die meisten Menschen voneinander erfuhren.

Kurz vor dem Morgen erschien Solares als bernsteinfarbener Ring vor dem Zug. Das Licht traf die Fenster und löste die künstliche Nacht aus den Abteilen. Miko schlief mit einer bemalten Serviette auf der Brust. Hauptmann Vos hatte die Schachtel mit den Orden geöffnet, aber nicht angelegt. Alina trug keinen Mantel mehr und sah zum ersten Mal nicht zur Tür.

Salma bereitete die Ankunftsdurchsage vor. Ihre Stimme würde ein letztes Mal durch den Midnight Starliner gehen. Danach warteten Sicherheitsbeamte, Verhöre und vermutlich ein Leben ohne Züge. Sie empfand Trauer, aber keine Reue.

„Meine Damen und Herren“, begann sie, „wir erreichen in Kürze Solares. Bitte prüfen Sie, ob Sie alles mitgenommen haben.“ Sie hielt inne und sah auf die achtzehn Namen. „Was Sie zurücklassen wollten, dürfen Sie liegen lassen.“

In den Wagen begannen Menschen, ihre Koffer zu schließen. Türen, die an diesem Abend beinahe verschlossen geblieben wären, warteten nun auf eine andere Welt.

Die Geschichte wird Musik

Midnight Starliner

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.