Across the Galaxy Archives
Vierzehn A und Vierzehn B
Eine Vorgeschichte zu „Passengers of the Void“Der Regen auf Neris war seit neun Jahren verboten. Die Entsalzungswerke konnten sich keine Verdunstung leisten, also blieb der Himmel klar, und Wasser fiel nur in den genehmigten Gewächshausstunden. Yuna Arkell erinnerte sich trotzdem an Regen. Als Kind hatte sie mit ihrer Mutter auf dem Dach gestanden, beide barfuß, während ein warmer Monsun die Stadt in ein verschwommenes Licht verwandelte. Ihre Mutter hatte gesagt: „Merk dir, wie er riecht. Eines Tages werden sie behaupten, wir hätten ihn erfunden.“
Nun stand Yuna wieder auf diesem Dach. Über der Stadt lagen Staub und die weißen Türme der Wasserbehörde. In ihrer Tasche steckte ein Ticket nach Ambar. Sie würde in drei Stunden abreisen, um eine Stelle als Archivarin anzunehmen. Offiziell war es eine Beförderung. Tatsächlich hatte die Behörde entdeckt, dass Yuna alte Klimadaten kopiert hatte – Beweise dafür, dass nicht die Dürre, sondern private Förderverträge den Regen beendet hatten.
Ihre Mutter lag seit zwei Jahren auf dem Friedhof unter Solarplatten. Es gab niemanden, von dem Yuna sich verabschieden musste. Trotzdem wartete sie bis zur letzten Minute. Dann öffnete sie ein Ventil des stillgelegten Dachreservoirs. Ein dünner Wasserstrahl traf die heiße Metallplatte und stieg als Dampf auf. Yuna hielt ihre Jacke hinein, bis sie feucht war. Es war kein Regen. Aber auf Ambar sollte niemand sagen können, Neris habe nie Wasser besessen.
Zur selben Zeit saß Elias Ren auf einer Bank im Raumhafen von Talos und zählte seine Rückfahrkarten. Es waren sechs. Alle unbenutzt. Jedes Jahr kaufte er eine Passage zu seinem Vater, und jedes Jahr fand er einen Grund, nicht zu fliegen: ein Projekt, eine Krankheit, zu teure Anschlussgebühren. Sein Vater antwortete auf Nachrichten mit kurzen Sätzen. Der Garten wächst. Das Dach hält. Mach dir keine Umstände.
Dann kam ein Anruf von einer Nachbarin. „Ihr Vater verwechselt die Tage“, sagte sie. „Gestern hat er den Tisch für Ihre Mutter gedeckt.“ Elias’ Mutter war seit zwölf Jahren tot.
Er buchte die siebte Karte. Talos nach Ambar, dort umsteigen nach Kepler. Auf dem Ticket stand Sitz 14B. Elias packte ein Hemd, Werkzeug und ein Buch in der alten Sprache seines Vaters. Er konnte sie nicht lesen. Als Kind hatte er sich geweigert, sie zu lernen, weil er nicht anders sein wollte als die Leute in seiner Schule. Später schämte er sich zu sehr, danach zu fragen.
Der Zubringer nach Ambar war ein schmales Passagierschiff mit dreißig Sitzen. Yuna erreichte das Gate, als die Türen bereits schlossen. Die Kontrolleurin sah ihre feuchte Jacke und fragte, ob darin nicht genehmigte Flüssigkeit transportiert werde. Yuna lächelte. „Nur eine Erinnerung.“ Die Frau verstand es nicht, hatte aber keine Zeit für eine Durchsuchung.
Sitz 14A lag am Fenster. Yuna verstaute den kleinen Koffer und setzte sich neben Elias, der das Buch auf den Knien hielt. Sie erkannte die Schrift. Ihre Mutter hatte dieselbe Sprache gesprochen.
„Das ist ein Gartenkalender“, sagte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte.
Elias blickte auf. „Ich dachte, es wären Geschichten.“
„Vielleicht sind Gärten nur langsame Geschichten.“
Er lachte überrascht. Das Schiff löste sich vom Dock. Unter ihnen schrumpfte Talos zu einem Netz aus weißen Lichtern. Yuna schloss die Augen. Startphasen machten sie nervös, aber sie wollte es nicht zeigen.
Elias bemerkte ihre Hand am Sitzrand. „Erster Flug?“
„Dreiundzwanzigster.“
„Dann mögen Sie sie einfach nicht.“

„Ich mag Abflüge nicht.“
„Ankünfte?“
„Darüber habe ich noch nicht entschieden.“
Sie schwiegen, bis die Anschnallzeichen erloschen. Normalerweise hätte Yuna Kopfhörer aufgesetzt. Elias hätte so getan, als könne er lesen. Stattdessen fragte er nach einem Wort auf der ersten Seite. Yuna übersetzte es: Pfropfen, das Verb für das Verbinden zweier Pflanzen, damit sie gemeinsam weiterwuchsen.
„Mein Vater hat Obstbäume“, sagte Elias. „Ich glaube. Jedenfalls schreibt er immer vom Garten.“
„Sie glauben?“
Elias erzählte von den sechs Tickets. Er tat es leicht, als wäre es eine Anekdote über schlechte Terminplanung. Yuna hörte den Satz hinter den Sätzen: Ich hatte Angst, dass zu viel Zeit vergangen ist. Sie kannte ihn. Er hatte sie selbst am Grab ihrer Mutter begleitet.
Im Gegenzug erzählte sie von der neuen Stelle. Nicht von den gestohlenen Daten. Nur, dass sie Neris wahrscheinlich nicht wiedersehen würde. Elias fragte nicht, warum. „Was werden Sie vermissen?“
Yuna wollte „nichts“ sagen. Stattdessen roch sie den schwachen Dampf in ihrer Jacke. „Regen, den es nicht mehr gibt.“
Das Schiff trat in den Sprungkorridor ein. Sterne zogen zu langen Linien auseinander, die Kabinenbeleuchtung wurde gedimmt. Eine ältere Frau schnarchte zwei Reihen weiter. Irgendwo weinte ein Baby. Zwischen Sitz 14A und 14B entstand jene seltene Dunkelheit, in der Fremde ehrlicher sein können als Freunde, weil sie am nächsten Morgen nicht Teil der Folgen sind.
Yuna erzählte von ihrer Mutter und dem Klimarchiv. Elias erzählte, dass sein letzter Satz an den Vater gelautet hatte: „Ich will nie so werden wie du.“ Seitdem war jede Nachricht eine Umgehung dieses Satzes gewesen. Yuna nahm das Buch und las den ersten Eintrag vor. Ein Vater beschrieb, wie er mit seinem Sohn einen Birnbaum pflanzte. Elias erkannte die Jahreszahl. Er war damals sieben.
„Er hat über mich geschrieben“, sagte er.
Yuna blätterte weiter. Die Seiten waren voller Notizen: Der Junge gräbt zu flach. Der Junge hasst Erde an den Händen. Heute hat er den ersten Ast geschnitten. Später wurden die Einträge kürzer. Elias kommt nicht dieses Jahr. Baum trägt trotzdem. Hoffentlich nächstes.
Elias schloss das Buch. „Ich hätte früher fliegen sollen.“
„Ja“, sagte Yuna.
Er sah sie erstaunt an.
„Was soll ich sonst sagen? Dass Zeit keine Rolle spielt? Das wäre gelogen.“ Sie gab ihm das Buch zurück. „Aber Sie sitzen jetzt hier.“
Später öffnete Yuna auf ihrem Terminal die gestohlenen Klimadaten. Sie hatte geplant, sie anonym zu veröffentlichen. Elias half ihr, die Übertragungswege zu prüfen. Als Systemingenieur wusste er, welche Archive nicht von der Wasserbehörde kontrolliert wurden. Gemeinsam schickten sie Kopien an zwölf freie Netze.
„Jetzt können Sie nicht mehr zurück“, sagte er.
„Das konnte ich vorher auch nicht.“
„Aber jetzt weiß es die ganze Welt.“
Yuna sah auf die Bestätigungen. Zum ersten Mal fühlte sich Flucht nicht wie Verschwinden an.
Am Ende der Nacht erschien Ambar vor dem Fenster, eine Station in Form eines bernsteinfarbenen Rings. Elias hatte noch zwei Stunden bis zum Anschluss. Yunas neuer Arbeitgeber erwartete sie am Gate. Beide wussten, dass sie ihre Namen austauschen, Kontakte speichern oder versprechen könnten, sich wiederzusehen. Keiner sprach es an.
„Lesen Sie ihm den Kalender vor“, sagte Yuna.
„Und Sie?“
„Ich werde dafür sorgen, dass es auf Neris wieder regnet.“
Die Türen öffneten sich. Im Strom der Passagiere gingen sie nebeneinander bis zur ersten Kreuzung. Elias musste nach links, Yuna nach rechts. Sie blieben einen Moment stehen.
„Ich werde mich erinnern“, sagte Elias, ohne zu erklären woran.
Yuna nickte. Auf ihrer Jacke war der letzte künstliche Dampf längst getrocknet. Trotzdem glaubte sie, den Geruch von Regen zu tragen.
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