Across the Galaxy Archives
Die Kunst des Verschwindens
Eine Vorgeschichte zu „No Fixed Star“Elara Senn lernte mit sechs Jahren, dass ein Zuhause verschwinden konnte, während man schlief. Die Station Kestrel hatte keinen festen Orbit. Sie zog zwischen drei Gasriesen umher, sammelte Helium und verkaufte es an Schiffe, deren Besatzungen nie lange genug blieben, um sich Namen zu merken. Elaras Vater nannte die Station trotzdem Heimat. Er markierte ihre Größe an einer Wand, pflanzte Minze in eine alte Filterkartusche und versprach, dass sie eines Tages ein Fenster mit echtem Regen besitzen würden.
In der Nacht des Reaktorbrands weckte Elara kein Alarm. Ihre Mutter riss sie aus dem Bett, wickelte sie in eine Decke und trug sie durch einen Korridor voller Rauch. Menschen drängten zu den Rettungskapseln. Hinter ihnen verriegelten Schotts, vor ihnen zählten Anzeigen freie Plätze herunter. Elaras Vater blieb bei der Notkühlung. „Ich komme mit der nächsten Kapsel“, sagte er. Es war der letzte vollständige Satz, den sie von ihm hörte.
Kestrel brach sechs Stunden später auseinander. Von zweitausend Bewohnern erreichten achthundert einen Frachter. Die Überlebenden wurden auf verschiedene Kolonien verteilt, weil keine Station so viele Menschen aufnehmen wollte. Elaras Mutter kam nach Nemea, Elara nach Orison. Ein Fehler in der Evakuierungsliste trennte sie. Als er korrigiert wurde, war der Frachter bereits durch ein Tor gesprungen. Sie sah ihre Mutter erst neun Jahre später wieder, in einer Klinik, in der beide nicht wussten, worüber sie sprechen sollten.
Auf Orison lebte Elara in sieben Pflegequartieren. Sie lernte, ihre Dinge so zu ordnen, dass sie in weniger als vier Minuten in einen Koffer passten. Sie klebte keine Bilder an Wände, weil Kleber Spuren hinterließ. Sie fragte nicht, ob sie im nächsten Jahr noch dieselbe Schule besuchen würde. Wenn andere Kinder „bei uns zu Hause“ sagten, dachte Elara nicht an einen Ort, sondern an eine Behauptung, die jederzeit widerlegt werden konnte.
Mit sechzehn fälschte sie zum ersten Mal ein Reiseticket. Mit achtzehn kannte sie die Kontrollen von zwölf Raumhäfen. Sie arbeitete in Küchen, Archiven, auf Frachtrampen und einmal als Gärtnerin in einer Kuppel, in der die Bäume echte Erde hatten. Nie blieb sie länger als ein Jahr. Anfangs gab es Gründe: auslaufende Verträge, steigende Mieten, schlechte Arbeitgeber. Später genügte das Gefühl, dass Menschen begannen, sie zu erwarten.
Sie sammelte keine Andenken. Das einzige Stück aus Kestrel war ein beschädigtes Navigationstoken, das man im Wrackfeld gefunden hatte. Es zeigte keine Karte mehr. Wenn Elara es einschaltete, erschien nur ein weißer Punkt ohne Koordinaten. Sie trug es in der Innentasche ihrer Jacke. Nicht weil es sie nach Hause führte, sondern weil es bewies, dass ein Ort auch dann existiert hatte, wenn nichts von ihm übrig blieb.
Auf der Ringwelt Caelum wollte sie drei Monate bleiben. Eine Arbeit in der Wettersteuerung, gute Bezahlung, möbliertes Zimmer. Caelum umkreiste seinen Stern wie eine schmale Krone. Auf der Innenseite lagen Städte, Seen und künstliche Wolkenfelder. Es regnete jeden Abend um neunzehn Uhr, pünktlich und warm. Elara fand diese Zuverlässigkeit anfangs lächerlich.
Am ersten Arbeitstag stritt sie mit Tomas Arq über eine fehlerhafte Druckkurve. Tomas war Architekt für Klimazonen und überzeugt, dass Menschen besser lebten, wenn sie wüssten, wann der Regen kam. Elara hielt geplantes Wetter für eine Form von Dekoration. Sie korrigierte seine Berechnung, er lud sie aus Trotz zum Essen ein, und sie sagte zu, weil sie nichts Besseres vorhatte.
Aus dem Essen wurden Spaziergänge unter dem Abendregen. Tomas zeigte ihr Viertel, die nicht auf Touristenkarten standen: ein Tunnel, in dem Kinder Drachen steigen ließen, eine Bäckerei mit Salzgebäck, einen alten Wartungssteg über dem Wolkenreservoir. Er stellte viele Fragen, aber nie die falsche. Wenn Elara eine Antwort verweigerte, wechselte er das Thema. Gerade deshalb erzählte sie ihm mehr, als sie wollte.
Nach drei Monaten verlängerte sie ihren Vertrag. Nach sechs kaufte sie eine zweite Tasse. Nach neun ließ sie ein Paar Stiefel bei Tomas stehen. Jede dieser Entscheidungen war so klein, dass Elara die Gefahr nicht bemerkte. Erst als Tomas ihr einen Schlüssel gab, verstand sie, dass ein Leben um sie herum entstanden war.
Die Wohnung lag am Rand des Rings. Das große Fenster zeigte den Regen, der in schrägen Linien über die Stadt zog. Tomas baute unter der Fensterbank ein Fach für ihr Navigationstoken. „Damit du nicht mehr danach suchen musst“, sagte er. Elara legte es hinein und konnte in dieser Nacht nicht schlafen.

Am nächsten Morgen nahm sie das Token wieder an sich. Drei Tage später kam sie zu spät zur Arbeit, weil sie am Raumhafen gestanden und Abflugtafeln gelesen hatte. Sie wollte nirgendwohin. Die Möglichkeit genügte. Abends fragte Tomas, ob etwas geschehen sei. Elara sagte nein. Es war die erste bewusste Lüge zwischen ihnen.
Ein Jahr nach ihrer Ankunft erhielt sie eine Nachricht ihrer Mutter. Die Krankheit war zurückgekehrt. Die Ärzte gaben ihr Monate. Elara nahm den nächsten Flug nach Nemea und verbrachte drei Wochen an einem Krankenbett. Ihre Mutter schlief viel. Wenn sie wach war, sprach sie über Kestrel.
„Dein Vater wollte bleiben“, sagte sie eines Nachts.
„Er musste die Kühlung bedienen.“
„Nein. Ein Techniker hätte übernehmen können. Er glaubte nur, er dürfe uns nicht verlassen.“
Elara spürte Zorn, obwohl es nichts mehr gab, worauf sie ihn richten konnte. „Und du? Warum hast du mich nach der Evakuierung nicht gefunden?“
Die Mutter drehte den Kopf zum Fenster. „Ich habe gesucht. Aber jedes Mal, wenn eine Spur endete, wurde es leichter, mir zu sagen, du wärst sicher. Irgendwann hatte ich Angst vor der Wahrheit.“
Es war keine Entschuldigung. Vielleicht war es etwas Wertvolleres: eine hässliche, ungeschützte Wahrheit. Elara blieb bis zum Tod ihrer Mutter. Danach saß sie zwei Tage im Transitbereich von Nemea, unfähig, einen Zielort zu wählen. Tomas schickte keine Forderungen. Nur jeden Abend ein Bild vom Regenfenster.
Als Elara nach Caelum zurückkehrte, wartete er am Gate. Er umarmete sie nicht sofort. „Willst du nach Hause?“, fragte er.
Das Wort traf sie härter als jede Anklage. „Ich weiß nicht, wo das ist.“
„Dann können wir es herausfinden.“
Sie versuchte es. Wirklich. Sie nahm einen unbefristeten Vertrag an. Gemeinsam strichen sie eine Wand in einem tiefen Blau. Tomas baute ein Regal, und Elara stellte das Navigationstoken sichtbar hinein. Einen Monat lang fühlte sie sich ruhig. Dann kündigte die Stadtverwaltung eine dreitägige Evakuierungsübung an. Sirenen heulten, Schotts schlossen, und über Lautsprecher wurden Bewohner zu Sammelpunkten gerufen.
Elara war wieder sechs Jahre alt. Sie roch Rauch, obwohl keiner da war. Sie packte ihren Koffer in drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden. Als Tomas nach Hause kam, stand sie an der Tür.
„Es ist nur eine Übung“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Dann stell den Koffer ab.“
Elara konnte es nicht. In seinem Gesicht sah sie den Augenblick, in dem er verstand, dass Liebe keinen Schalter in ihr reparieren würde. „Wenn du gehst“, sagte er leise, „sag wenigstens, dass du Angst hast. Nenn es nicht Freiheit.“
Sie blieb noch eine Nacht. Sie saßen am Fenster und sahen dem planmäßigen Regen zu. Tomas bat sie nicht mehr zu bleiben. Elara versprach nicht zurückzukommen. Am Morgen küsste sie ihn, nahm den kleinen Koffer und ließ den Schlüssel auf der Fensterbank liegen. Das Navigationstoken steckte in ihrer Jacke.
Im Raumhafen kaufte sie das billigste Ticket ohne Rückfahrbindung. Das Ziel hieß Vesper, eine Bergbaustation, von der sie nichts wusste. Als die Kontrolleurin nach ihrem Heimatstern fragte, nannte Elara Caelum. Das Wort fühlte sich gleichzeitig falsch und wahr an.
Sie setzte sich ans Gate, den Koffer zwischen den Füßen. Auf der anderen Seite des Fensters erwachten die Triebwerke eines alten Passagierschiffs. Elara spürte Erleichterung, Trauer und etwas Drittes, für das sie keinen Namen hatte. Zum ersten Mal begriff sie, dass Weiterziehen sie nicht unverwundbar machte. Es bestimmte nur, welche Art von Schmerz sie kannte.
Als der Einstieg begann, schaltete sie das Navigationstoken ein. Der weiße Punkt leuchtete ohne Koordinaten. Elara schloss die Hand darum und stand auf.
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