Across the Galaxy Archives
Die Frau hinter der Wand
Eine Vorgeschichte zu „Outside the Hull“Auf Meridian Station war Sauerstoff kein Gedanke. Er kam aus Gittern in der Decke, strömte durch Wohnungen, Schulen und Kasinos, füllte Lungen und verschwand wieder, ohne dass jemand dafür dankte. Auf den Anzeigen in den öffentlichen Bereichen stand die Luftqualität als grüne Zahl. Solange sie grün blieb, glaubten acht Millionen Menschen, das All beginne erst hinter den Fenstern.
Talia Noor wusste es besser. Sie kannte die Pumpen, Filter und Druckschleusen, die zwischen einem normalen Morgen und einer Evakuierung lagen. Sie wusste, welche Leitung vibrierte, bevor ein Lager brach, welcher Sensor bei hoher Feuchtigkeit log und an welcher Stelle der Außenhülle ein Reparaturblech aus dem letzten Jahrhundert noch immer als dauerhaft galt. Wenn sie durch die Station ging, sah sie keine Wände. Sie sah Systeme, die sich gegenseitig am Leben hielten.
Ihr Vater hatte sie mit neun zum ersten Mal in einen Wartungsschacht mitgenommen. Er arbeitete illegal doppelte Schichten und ließ sie dort Hausaufgaben machen, weil niemand auf sie aufpassen konnte. „Hör hin“, sagte er und legte ihre Hand an ein Rohr. „Eine Station spricht immer. Das Problem ist nur, dass die Leute erst zuhören, wenn sie schreit.“
Talia wurde Mechanikerin, obwohl ihr Vater gehofft hatte, sie würde etwas Sicheres wählen. Er starb nicht draußen, sondern an einer Lungenkrankheit, die von altem Isolierschaum kam. Die Betreibergesellschaft bestritt den Zusammenhang. Talia erbte seine Werkzeuge und eine Abneigung gegen Formulare, in denen „akzeptables Risiko“ stand.
Zwölf Jahre später leitete sie das Außenteam für Sektor C. Ihr Team bestand aus fünf Menschen und zwei Reparaturdrohnen, alle überarbeitet. Meridian wuchs schneller, als die Lebenserhaltung erweitert wurde. Neue Wohnringe hingen an alten Leitungen. In den Vorstandspräsentationen war das effizient. In Talias Wartungsplan war es eine Rechnung, die irgendwann fällig wurde.
Der erste Hinweis kam als kaum messbarer Druckverlust in Leitung C-44. Talia ließ die Außenkamera schwenken. Auf dem Bild verlief ein dunkler Schatten entlang einer Schweißnaht. Sie beantragte eine Abschaltung des Sektors für sechs Stunden. Die Stationsleitung lehnte ab. Im Ring fand ein Handelsgipfel statt; acht Delegationen, vierhundert Medienvertreter und ein Abendempfang, dessen Blumen mehr kosteten als Talias Jahresbudget.
„Dann zwei Stunden“, sagte Talia in der Konferenz.
Direktor Sayeed lächelte, als erkläre er einem Kind die Schwerkraft. „Die Redundanz liegt bei hundertachtzig Prozent.“
„Auf dem Papier. Eine der Reservepumpen ist seit sechs Wochen zur Reparatur.“
„Dann haben wir immer noch hundertvierzig.“
„Wenn der Schatten eine Materialermüdung ist, fällt die Leitung nicht allein aus. Sie reißt die Nachbartrasse mit.“
Der Direktor blickte auf die Uhr. „Beobachten Sie es.“
Talia beobachtete. Sie legte Zusatzsensoren, verschob Pausen und schickte Drohnen an Stellen, die offiziell keinen Wartungsbedarf hatten. Ihre Stellvertreterin Mei warf ihr vor, das Team wegen einer Vermutung zu verheizen. „Du versuchst wieder, einen Bericht zu verhindern, der noch gar nicht passiert ist“, sagte sie.
Vor drei Jahren hatte es einen Bericht gegeben. Bei einem Einsatz an der Sonnenblende löste sich ein Werkzeugkasten und traf einen jungen Techniker. Talia hatte den Sicherungsplan genehmigt. Die Halterung war falsch montiert, niemand konnte erkennen von wem. Der Techniker überlebte, verlor aber ein Bein. Seitdem prüfte Talia jede Klammer selbst. Das Team nannte es hinter ihrem Rücken Noors Liturgie.
„Ein Bericht reicht mir“, antwortete sie.
Am Abend vor dem Gipfel sank der Druck um weitere zwei Zehntelprozent. Talia ging persönlich in den äußeren Servicering. Durch die kleine Sichtluke sah sie die Krümmung der Station, überall Fenster und Licht. In tausenden Räumen aßen Menschen, stritten, schliefen, legten Kinder ins Bett. Niemand wusste, dass Talia fünf Meter hinter der Wand kniete und ein Messgerät an ein Rohr hielt, das ihre Luft führte.

Der Befund war eindeutig: Mikrorisse im Verbundmaterial, länger als ein Unterarm. Die Leitung musste von außen geklammert werden, bevor man sie drucklos schaltete. Dafür brauchte das Team vier Stunden und eine vollständige Sperrung des Rings.
Direktor Sayeed genehmigte neunzig Minuten zwischen dem letzten Empfang und dem morgendlichen Presseprogramm.
„Dann bekommen Sie eine Notreparatur“, sagte Talia.
„Ich bekomme eine funktionierende Station.“
„Nein. Sie bekommen neunzig Minuten.“
Die Worte kosteten sie fast die Leitung des Teams. Sayeed setzte Mei als Einsatzchefin ein und ordnete Talia an, im Kontrollraum zu bleiben. Talia nahm die Entscheidung an, zumindest offiziell. Sie half bei der Vorbereitung der Anzüge, kontrollierte Werkzeuge und zeigte Mei die kritische Naht.
Kurz vor dem Einsatz meldete Meis medizinischer Sensor Herzrhythmusstörungen. Sie wollte trotzdem hinaus. Talia sperrte ihren Anzugcode. „Du würdest dasselbe tun“, protestierte Mei.
„Ja“, sagte Talia. „Deshalb darfst du mich später hassen.“
Ohne Mei fehlte ein Teammitglied. Sayeed wollte den Einsatz abbrechen und die Sensorwarnung bis nach dem Gipfel herunterstufen. Talia zog den Helm an. „Außenteam Noor übernimmt.“
„Sie haben keine Freigabe.“
„Dann schreiben Sie den Bericht schon einmal.“
Die äußere Schleuse öffnete sich. Luft wurde abgesaugt, Geräusche verschwanden, und Talias Welt schrumpfte auf Atem, Anzeigen und die Stimmen im Helm. Sie stieß sich ab. Das Sicherungskabel bremste sie sanft. Unter ihr lag kein Boden, sondern der Planet Meridian, braun und von Stürmen überzogen. Die Station zog sich wie eine leuchtende Stadt durch die Schwärze.
Talia arbeitete mit dem jungen Techniker Jao an der Klammer. Die ersten Haltepunkte saßen. Dann zeigte der Riss ein neues Muster. Er lief nicht entlang der Leitung, sondern darunter in die tragende Außenplatte. Jemand hatte bei einer früheren Reparatur ein ungeeignetes Metall verwendet. Die unterschiedliche Wärmeausdehnung hatte beide Systeme gegeneinander arbeiten lassen.
„Das wird in neunzig Minuten nichts“, sagte Jao.
„Dann bleiben wir länger.“
„Der Ring öffnet automatisch.“
Talia ließ den Kontrollraum die Automatik sperren. Sayeed verweigerte es. In zwölf Minuten sollten die ersten Versorgungsteams den Sektor betreten. Talia öffnete einen öffentlichen Wartungskanal, der normalerweise für Stationsansagen reserviert war. „Hier spricht Außenteam Noor. Sektor C bleibt geschlossen. Die Sauerstoffleitung ist strukturell gefährdet.“ Acht Millionen Menschen mussten es nicht hören. Es genügte, dass die Medienvertreter im Gipfelring es taten.
Die Automatik wurde gesperrt.
Jao lachte nervös. „Jetzt werden wir beide entlassen.“
„Nur, wenn wir wieder reinkommen.“
Sie setzten eine zweite Klammer. Als Talia den Bolzen anzog, riss die Außenplatte weiter. Ein Splitter traf Jaos Visier, ohne es zu durchschlagen. Gleichzeitig sprang die Primärsicherung seines Kabels auf. Talia packte ihn am Arm und hakte ihr Reserveband in seinen Gurt. Der Ruck zog sie beide von der Hülle. Für einen Augenblick hing ihr gesamtes Gewicht an Talias Hauptleine.
Im Helm ertönte eine Lastwarnung. Das Kabel war für eine Person ausgelegt. Talia sah die Station unter sich gleiten. Ein paar Meter entfernt schwebte der offene Wartungskasten, darin die letzte flexible Dichtung. Ohne sie würde der Riss weiterlaufen. Mit Jao am Reserveband konnte sie ihn nicht erreichen.
„Lass mich los“, sagte Jao.
„Unsinn.“
„Die Rettungsdrohne hat mich.“ Tatsächlich schob sich eine Drohne aus der Schleuse, langsam, weil Sayeed aus Kostengründen nur eine hatte warten lassen. Talia befestigte Jao an ihrer Hauptleine, löste das eigene Band und stieß sich zum Werkzeugkasten ab.
„Talia“, sagte Mei im Funk, „du bist ungesichert.“
„Noch.“
Sie fing den Kasten mit den Fingerspitzen. Die Bewegung drehte sie von der Station weg. Nun lag vor ihr nur das All, schwarz und ohne Maßstab. Hinter sich hörte sie Mei, Jao, Alarme. Talia zwang ihren Atem in den Rhythmus, den ihr Vater ihr beigebracht hatte: vier zählen, halten, vier zählen. Eine Station spricht immer. Auch durch ein gespanntes Kabel, auch durch den eigenen Anzug.
Mit dem kleinen Manövrierpaket drehte sie sich zurück. Die Dichtung klemmte unter ihrem Arm. Zwischen ihr und der Hülle lagen zwanzig Meter und der Rest ihres Treibstoffs. Die Anzeigen am Ring begannen von Grün auf Gelb zu wechseln.
„Außenteam Noor“, sagte der Kontrollraum. Diesmal war Sayeeds Stimme verschwunden. Mei führte. „Druck fällt. Wir brauchen die Leitung.“
Talia richtete sich auf die Naht aus. „Dann holen wir sie uns zurück.“
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