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Geschichte 02 / 18

Kilometer aus Licht

Eine Vorgeschichte zu Space Trucker

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Across the Galaxy Archives

Kilometer aus Licht

Eine Vorgeschichte zu „Space Trucker“

Joren Hale hatte geschworen, nie wieder einen Frachter zu betreten. Den Schwur leistete er mit neunzehn, während er auf dem staubigen Hof seiner Eltern stand und zusah, wie ein Transportschiff die letzte Ernte von Merrow abhob. Die Maschinen warfen rote Erde über die leeren Silos. Sein Vater unterschrieb die Übergabe des Landes an die Helix-Korporation, seine Mutter weinte im Haus, und Joren dachte, dass jeder Frachter ein Räuber sei: Er nahm etwas mit, das nie zurückkehrte. Zwei Wochen später verließ Joren den Planeten in einem solchen Schiff, weil die Korporation für ehemalige Farmarbeiter kostenlose Passage versprach, wenn sie sich für fünf Jahre verpflichteten.

Aus fünf Jahren wurden dreiundzwanzig. Zuerst belud er Container in den Außenringen von Helix Gate. Dann lernte er, Lasten zu sichern, Triebwerksfilter zu wechseln und mit Zollbeamten zu reden, ohne ihnen einen Grund zu geben, genauer hinzusehen. Er fuhr kurze Dockschlepper, später Mondfähren und schließlich interstellare Sattelschiffe, deren Frachtsegmente länger waren als die Hauptstraße seines Heimatdorfs. Die Fahrer nannten sie Hauler. Die Firmen nannten sie mobile Vermögenseinheiten. Joren nannte seinen ersten eigenen Frachter Martha, nach seiner Mutter. Als die Bank ihn einzog, weil drei Raten fehlten, gab er nie wieder einem Schiff einen menschlichen Namen.

Haul Nine-Seven war ein ausrangierter Erztransporter mit zwei unterschiedlichen Triebwerken und einer Klimaanlage, die entweder fror oder kochte. Joren kaufte ihn auf Kredit von einem Händler, der ihm freundlich erklärte, der Riss im hinteren Rahmen sei nur kosmetisch. Der Riss war nicht kosmetisch. Joren verbrachte sechs Monate unter dem Schiff, schweißte Verstärkungen ein und schlief auf einer Matratze zwischen Ersatzteilen. Als Nine-Seven endlich die Zulassung erhielt, war Joren zweiundvierzig und so verschuldet, dass Freiheit nur ein anderes Wort für pünktliche Raten war.

Trotzdem liebte er die erste Stunde nach einem Start. Dann lagen die Listen, Gebühren und Versprechen noch hinter ihm. Die Sterne bewegten sich kaum, das Schiff vibrierte gleichmäßig, und niemand konnte etwas von ihm verlangen, das nicht bereits im Frachtplan stand. Joren kochte Kaffee, zu stark und zu lange, und legte die Füße an die Konsole. In dieser Stunde gehörte Nine-Seven weder der Bank noch der Spedition. Er gehörte ihm.

Seine Tochter Nia verstand das nicht. Sie war acht, als sie zum ersten Mal fragte, warum andere Väter abends nach Hause kamen. Joren erklärte Sprungfenster, Lieferketten und die Preise für Hydrokulturen. Nia hörte zu und sagte: „Also kommst du nicht, weil Dinge wichtiger sind.“ Er bewahrte den Satz jahrelang auf, obwohl er ihn lieber verloren hätte.

Nach der Scheidung wohnte Nia mit ihrer Mutter auf Caldera, einem warmen Mond mit grünem Himmel. Joren nahm bevorzugt Routen durch das System. Anfangs verbrachte er jeden zweiten Umlauf bei ihr. Später wurden es Nachmittage zwischen zwei Ladungen. Er brachte Dinge mit: eine Schneekugel von Vesta, einen Stoffwal von Pelagos, einen echten Apfel aus einem diplomatischen Gewächshaus. Nia bedankte sich, stellte die Geschenke in ein Regal und fragte, wie lange er diesmal bleiben könne. Joren nannte immer die größte Zahl, die er irgendwie rechtfertigen konnte. Meistens fuhr er früher.

An ihrem dreizehnten Geburtstag versprach er, rechtzeitig da zu sein. Die Ladung bestand aus Bohrköpfen, nichts Verderblichem, nichts Lebendigem. Dann brach am Tor von Ilyon ein Navigationsstreik aus. Zwei Tage wartete Nine-Seven in einer Reihe aus hundert Schiffen. Joren bat, drohte, bot Geld. Als das Tor öffnete, war die Feier vorbei. Nia hatte ihm eine Aufnahme geschickt. Sie saß vor einer schiefen Torte, lachte mit ihren Freundinnen und sagte am Ende: „Keine Sorge, Dad. Ich habe sowieso nicht geglaubt, dass du kommst.“ Der Satz war freundlich gemeint. Das machte ihn schlimmer.

Joren parkte Nine-Seven danach sechs Wochen lang auf Caldera. Er reparierte eine kaputte Bewässerung in der Wohnung, lernte Nias Schulweg und kochte jeden Morgen Frühstück. Am dritten Tag wusste er nicht, was er mit sich anfangen sollte. Am achten begann er, aus dem Fenster die Frachter zu zählen. In der vierten Woche wachte er nachts auf, weil kein Triebwerk unter seinem Bett summte. Er hasste sich dafür. Ein Mann sollte seine Tochter mehr vermissen als eine Maschine. Aber Sehnsucht gehorchte keiner Rangordnung.

Nia bemerkte es natürlich. Eines Abends saßen sie auf dem Balkon, während Frachtschiffe als orange Punkte durch den grünen Himmel zogen. „Du willst wieder los“, sagte sie.

„Nein.“

„Du bist ein schlechter Lügner, wenn du nicht im Funk bist.“

Illustration und Liedcover zu Space Trucker
Transmission 02Space TruckerIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Joren schwieg. Nia war inzwischen vierzehn und hatte das gleiche schmale Gesicht wie seine Mutter. „Ich will nicht, dass du bleibst und mich dafür hasst“, sagte sie. „Ich will nur, dass du nicht so tust, als wäre jede Fahrt die letzte.“

Er versprach ihr etwas anderes: keine großen Abschiede mehr, keine falschen Rückkehrdaten. Stattdessen ein fester Anruf an jedem siebten Bordtag, egal wo er war. Nia programmierte das Signal selbst in seine Konsole. Wenn die Verbindung schlecht war, sollte Nine-Seven wenigstens eine automatische Positionsmeldung senden. „Damit ich weiß, dass du noch irgendwo bist“, erklärte sie.

Zwei Jahre funktionierte es. Joren fuhr kürzere Strecken, verdiente weniger und bezahlte die Bank oft erst nach der zweiten Mahnung. Dann kam die Fäule auf den Kolonien von Oris. Innerhalb eines Monats vernichtete sie drei Ernten. Getreidepreise stiegen, Medikamente wurden rationiert, und jede Spedition suchte Fahrer für die Ostlinie. Die Strecke führte durch drei Systeme und einen Korridor, in dem Piraten Transponder kopierten. Der Lohn war hoch genug, um Nine-Seven vollständig auszulösen.

Joren lehnte ab. Am selben Abend fiel der Steuerbordkonverter aus. Der Mechaniker nannte einen Preis, der höher war als seine Rücklagen. Die Bank schickte eine letzte Frist. Joren starrte auf den Vertrag der Ostlinie, bis die Buchstaben ihre Bedeutung verloren. Die Frachtliste umfasste Maschinenteile, Saatgut, Dialysefilter und Medikamente gegen das Oris-Fieber. Wenn er nicht fuhr, fuhr jemand anderes. Das sagte er sich. Wenn jemand anderes fuhr, konnte er bleiben. Auch das sagte er sich.

Nia rief an, bevor er entschieden hatte. Hinter ihr hing das Modell eines alten Farmhauses, das sie für den Geschichtsunterricht gebaut hatte. „Mama sagt, die Route ist gefährlich.“

„Mama findet schon die Nachbarstadt gefährlich.“

„Fährst du?“

Joren erzählte von der Bank und dem Konverter. Nia ließ ihn ausreden. „Wenn du nicht fährst, verlierst du Nine-Seven“, sagte sie.

„Wahrscheinlich.“

„Und wenn du ihn verlierst, wirst du dann hier glücklich?“

Er antwortete nicht. Nia blickte kurz zur Seite. „Dann fahr. Aber nenn es nicht Opfer für mich. Fahr, weil du fahren willst. Und komm zurück, weil du zurückkommen willst.“

Am nächsten Morgen unterschrieb Joren den Vertrag. Die Spedition belud Nine-Seven bis an die Toleranzgrenze. Container mit Saatgut kamen in den geschützten Innenrahmen, Maschinen nach außen, Medikamente in ein eigenes Temperaturmodul. Joren kontrollierte jede Verriegelung selbst. Zwischen zwei Paletten entdeckte er eine Kiste mit dem Siegel von Merrow: rotes Wintergetreide, gezüchtet aus einer Sorte, die früher auf den Feldern seiner Eltern gewachsen war. Er strich mit dem Handschuh über das Zeichen und dachte an den Frachter, der damals ihre letzte Ernte mitgenommen hatte.

Vielleicht, begriff er, waren Schiffe keine Räuber. Sie waren Hände. Entscheidend war nur, was Menschen ihnen anvertrauten und wohin sie es brachten.

Vor dem Start erschien Nia unangekündigt im Dock. Sie trug eine abgewetzte Pilotenjacke, viel zu groß für sie. Joren erkannte sie als seine alte. Nia kletterte ins Cockpit, ersetzte sein defektes Mikrofon und klebte ein Foto an die Konsole. Darauf standen sie beide vor Nine-Seven, Joren mit öligen Händen, Nia zehn Jahre alt und ohne einen Schneidezahn.

„Siebter Bordtag“, sagte sie.

„Siebter Bordtag.“

„Und keine Aufnahme statt eines echten Gesprächs, wenn du ein Relais hast.“

„Abgemacht.“

Als sie gegangen war, blieb ihr Geruch nach Zitrusseife im Cockpit. Joren startete die Systeme. Der neue Konverter summte heller als der alte. Auf dem Frachtmonitor leuchteten achtundvierzig grüne Felder. Die Route zog sich als dünne Linie über drei Systeme. Drei Monate hinaus, vielleicht vier zurück.

Die Hafenaufsicht meldete sich. „Haul Nine-Seven, Freigabe für Helix Gate. Volle Masse bestätigt.“

Joren nahm den kalten Kaffee vom Vortag, probierte ihn und verzog das Gesicht. Dann öffnete er den Kanal, nannte Kennung, Ziel und Ladung. Die Halteklammern lösten sich. Unter seinem Sitz begann das vertraute Summen.

Zu Hause, dachte er, war kein Ort, an dem er für immer bleiben musste. Es war ein Mensch, dem er ehrlich sagte, warum er ging – und zu dem er den Weg zurück kannte.

Die Geschichte wird Musik

Space Trucker

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.