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Geschichte 08 / 18

Die Kurve unter der Haut

Eine Vorgeschichte zu Gravity Runner

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Across the Galaxy Archives

Die Kurve unter der Haut

Eine Vorgeschichte zu „Gravity Runner“

Kaia Orlov gewann ihr erstes Rennen mit einem Fahrzeug, das nicht fliegen durfte. Es war ein Lastengleiter aus der Werkstatt ihres Vaters, zu schwer, auf einer Seite verbeult und für achtzig Kilometer pro Stunde zugelassen. Kaia war fünfzehn. Sie entfernte den Geschwindigkeitsbegrenzer, drehte die Schubdüsen nach innen und jagte durch die Entwässerungstunnel von Leda. Am Ende lag sie drei Längen vor den anderen und hatte keine Bremsen mehr. Ihr Bruder Lev fing den Gleiter mit einem Wartungstraktor auf.

„Du bist wahnsinnig“, sagte er, während Rauch aus dem Motor stieg.

„Aber schnell.“

„Das eine ist kein Beweis für das andere.“

Lev war der bessere Pilot. Kaia wusste das und hasste ihn ein wenig dafür. Er spürte Gravitationsfelder, bevor Sensoren sie anzeigten. In den Orbitalringen von Leda nutzten Rennschiffe die Anziehung der Monde, um Geschwindigkeit aufzubauen. Wer zu hoch flog, verlor Zeit. Wer zu tief ging, wurde vom Feld gepackt und gegen die Ringe gezogen. Lev fand die Linie dazwischen, als wäre sie auf den Himmel gemalt.

Als die offizielle Liga ihn verpflichtete, arbeitete Kaia als seine Mechanikerin. Sie schlief unter Werkbänken, stritt mit Ingenieuren und ersetzte teure Markenteile durch eigene Konstruktionen. Lev gewann drei Saisons. Die Zuschauer liebten sein ruhiges Lächeln. Kaia kannte die blauen Flecken an seinen Schultern, die er vom Gurt bekam, und das Zittern seiner Hände nach einem tiefen Mondmanöver.

Im vierten Jahr übernahm die Voss-Gruppe die Liga. Rennen wurden größer, heller und gefährlicher. Die neuen Verträge erlaubten Veranstaltern, Sicherheitsfelder für dramatischere Bilder zu reduzieren. Lev wollte aussteigen. Voss erinnerte ihn an Schulden, Strafzahlungen und die Werkstatt des Vaters, die als Sicherheit diente.

Beim Grand Orbit erhielt Kaia kurz vor dem Start veränderte Telemetriedaten. Ein Gravitationsknoten nahe Ring Vier war instabil. Sie verlangte Abbruch. Die Rennleitung erklärte den Ausschlag zum Sensorfehler. Lev sah sie durch das offene Cockpit an. „Wenn ich nicht starte, nehmen sie die Werkstatt“, sagte er.

„Wenn du startest, nehmen sie vielleicht dich.“

Er lächelte, diesmal nur für sie. „Dann sorg dafür, dass das Schiff hält.“

Das Schiff hielt. Das Feld nicht. Lev ging in die Kurve, der Knoten brach zusammen, und sein Runner wurde aus der Bahn gerissen. Die Übertragung zeigte den Aufprall aus sechs Perspektiven. Die Liga schnitt später Musik darunter. Kaia sah keine Wiederholung. Sie brauchte sie nicht.

Die Untersuchung gab Lev die Schuld: riskanter Winkel, ignorierte Warnung, menschliches Versagen. Die veränderten Telemetriedaten verschwanden aus dem Archiv. Kaia legte ihre Kopie vor. Voss’ Anwälte erklärten sie für manipuliert. Die Werkstatt wurde wegen Vertragsforderungen geschlossen, ihr Vater erlitt einen Schlaganfall, und Lev bekam im Denkmal der Liga den Satz: ER FLOG OHNE ANGST.

Illustration und Liedcover zu Gravity Runner
Transmission 08Gravity RunnerIllustration aus dem Across-the-Galaxy-Universum

Kaia hasste diesen Satz. Lev hatte Angst gehabt. Mut war nicht die Abwesenheit davon. Die Liga verwandelte seine Angst in Werbung und seine Schuld in eine saubere Akte.

Sie verschwand in die illegalen Ringe. Dort gab es keine Denkmäler, nur Preisgeld und Wetten. Kaia baute sich einen Runner aus Teilen, die andere wegwarfen. Sie nannte ihn Needle. Er war schmal, hässlich und reagierte so direkt, dass jeder Fehler durch ihre Knochen ging. Bei ihrem ersten Start sagten die anderen Piloten, Mechanikerinnen gehörten nicht ins Cockpit. Nach dem dritten Sieg sagten sie nichts mehr.

Kaia fuhr nicht wie Lev. Er hatte mit der Schwerkraft getanzt. Sie provozierte sie. Sie ließ Needle fallen, bis Alarme schrien, und riss das Schiff im letzten Augenblick aus dem Sog. Das Publikum nannte sie Gravity Runner. Voss bot ihr einen Vertrag an. Kaia schickte die Nachricht ungeöffnet zurück.

Ein Jahr nach Levs Tod kontaktierte sie ein Datenhändler namens Quill. Er besaß den Originalspeicher des Grand Orbit. Darauf befanden sich die unveränderten Feldmessungen und ein interner Befehl, die Warnung zu unterdrücken. „Was willst du dafür?“, fragte Kaia.

„Geld interessiert mich nicht.“ Quill lächelte aus dem Hologramm. „Ich will eine Geschichte, die jeder sieht. Gewinne den Eclipse Run. Dann spiele ich die Daten auf allen Kanälen.“

Der Eclipse Run war kein Rennen, sondern ein kollektiver Selbstmord mit Sponsoren. Die Strecke führte zwischen den Monden Leda Drei und Vier hindurch, während ihre Gravitationsfelder sich überlappten. Einmal pro sieben Jahre entstand dort ein schmaler Korridor. Die Liga sperrte ihn. Die illegalen Runner nutzten ihn.

„Warum knüpfst du die Wahrheit an ein Rennen?“, fragte Kaia.

„Weil niemand Beweise sehen will. Menschen wollen einen Moment, in dem sie nicht wegschauen können.“

Kaia verachtete ihn. Sie sagte trotzdem zu.

In den Wochen vor dem Run kehrte sie in die Werkstatt ihres Vaters zurück. Staub lag auf den Werkzeugen. Lev hatte an einer Wand Winkel und Vektoren notiert. Kaia fand zwischen alten Plänen eine Berechnung des Korridors. Er hatte den Eclipse Run studiert, lange bevor Voss ihn verpflichtete. Am Rand stand: NICHT GEGEN DAS FELD LENKEN. FALLEN LASSEN.

Ihr Vater kam im Rollstuhl aus dem Hinterraum. Seit dem Schlaganfall sprach er langsam. „Lev wollte nie dort fahren“, sagte er. „Er wollte verstehen, warum andere sterben.“

Kaia zeigte ihm Quills Vertrag. „Wenn ich gewinne, erfährt jeder, was sie getan haben.“

„Und wenn du stirbst, verkauft Quill zwei Tragödien statt einer.“

Sie stritten bis tief in die Nacht. Am Ende fragte der Vater nicht, ob sie fahren würde. Er kannte die Antwort. Er gab ihr Levs alten Handschuh. „Fahr nicht für einen Toten“, sagte er. „Tote brauchen keinen Sieg. Fahr für das, was du danach tun willst.“

Kaia wusste nicht, was danach kam. Seit einem Jahr bestand ihr Leben aus dem nächsten Rennen und dem Wunsch, Voss zu zerstören. Ohne beides war da eine Leere, die größer wirkte als jeder Gravitationsschacht.

Am Tag des Eclipse Run lagen zehntausende Schiffe außerhalb der Sperrzone. Millionen sahen illegale Übertragungen. Sechs Runner standen am Start. Drei arbeiteten heimlich für Voss; Kaia erkannte ihre neuen Triebwerke. Die Liga wollte kontrollieren, wer gewann.

Quill schickte den Datenbeweis in Needles Speicher. Eine Kopie, verschlüsselt bis zur Ziellinie. Kaia prüfte die Datei. Dann löschte sie die Sperre und übertrug alles sofort an ein freies Archiv.

„Was tust du?“, schrie Quill im Funk. „Der Deal—“

„Die Wahrheit ist kein Preisgeld.“

Die Daten verbreiteten sich, noch bevor die Startlichter angingen. Voss versuchte, die Kanäle zu blockieren. Zu spät. Zuschauer sahen die Messungen, Levs Warnung und den Befehl der Liga.

Kaia hätte nun aussteigen können. Sie hatte erreicht, wofür sie gekommen war. Vor ihr öffnete sich der Korridor zwischen den Monden, ein schwarzer Schnitt in den leuchtenden Ringen. Neben ihr heulten die Triebwerke der anderen Runner.

Sie dachte an die Frage ihres Vaters: Was willst du danach tun?

Kaia legte Levs Handschuh auf die Konsole. „Weiterfahren“, sagte sie.

Die Startlichter sprangen auf Grün. Needle schoss nach vorn, direkt auf ein Gravitationsfeld zu, das niemand beherrschen konnte. Kaia nahm die Hände fester an die Steuerung und erinnerte sich an Levs Notiz.

Nicht lenken. Fallen lassen.

Die Geschichte wird Musik

Gravity Runner

Das Lied setzt dort ein, wo diese Vorgeschichte endet.