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Vier Tausend Morgen
Eine Vorgeschichte zu „Cargo of Dreams“Arlen Ward bewarb sich als Wächter der Eos, weil er nicht mitfliegen wollte. Das Auswahlprogramm suchte Piloten, Mediziner und Systemtechniker für ein Kolonieschiff nach Viridia. Viertausend Menschen sollten die siebzehnjährige Reise im Kryoschlaf verbringen. Eine Person blieb jeweils für sechs Monate wach, kontrollierte Systeme und weckte bei Bedarf Spezialisten. Arlen rechnete damit, in der ersten Runde auszuscheiden. Er war achtundvierzig, verwitwet und hatte bei einem Testflug einen Unfall verursacht, der seine Karriere beendet hatte.
Die Auswahlkommission fragte, warum er sich bewarb. „Weil meine Tochter auf der Passagierliste steht“, sagte er.
„Dann wollen Sie sie begleiten.“
„Nein. Ich will wissen, dass jemand hinsieht, während sie schläft.“
Mira war dreiundzwanzig und Biologin. Sie hatte Arlen erst nach der Annahme gesagt, dass sie auswandern würde. Viridia brauchte Menschen, die Böden aufbauen konnten. Die Erde brauchte ebenfalls viele Dinge, entgegnete Arlen. Mira zeigte aus dem Fenster auf den braunen Himmel über Manchester und fragte: „Welche Erde meinst du?“
Der Klimakollaps hatte nicht die Welt beendet. Er hatte sie in Verträge aufgeteilt. Saubere Luft, Trinkwasser, kühlbare Wohnungen – alles existierte, wenn man es bezahlen konnte. Kolonieprogramme wurden als Hoffnung beworben, waren aber vor allem eine Auslagerung. Wer nützliche Fähigkeiten besaß, durfte gehen. Wer blieb, sollte stolz darauf sein, die Reisenden finanziert zu haben.
Arlen hielt Viridia für eine schöne Lüge. Die Daten zeigten einen grünen Planeten, zwei kleine Sonnen und flache Meere. Niemand war dort gewesen. Sonden konnten Atmosphäre messen, aber nicht, wie es sich anfühlte, unter einem fremden Himmel aufzuwachen. Mira sagte, jede Zukunft sei eine Lüge, bis jemand sie bewohne.
Nach fünf Prüfungsmonaten wurde Arlen angenommen. Die Kommission schätzte seine Erfahrung und seine geringe soziale Bindung. Diesen Ausdruck las er zweimal. Seine Frau Dana war vor sechs Jahren gestorben, seine Freunde hatten sich während der Untersuchung des Unfalls zurückgezogen, und Mira würde schlafen. Perfekte Einsamkeit wurde zur Qualifikation.
Die Eos war größer als eine Stadt. In ihrem Zentrum lagen die Kryodecks wie Etagen eines blauen Waldes. Jede Kapsel trug einen Namen, eine Berufskennung und ein kleines Gepäckfach. Die Kolonisten durften zwölf Kilogramm persönliche Dinge mitnehmen. Arlen half Mira beim Packen. Sie wählte Saatgut, Datenspeicher, Danas alte Teekanne und einen roten Pullover.
„Der wiegt zu viel“, sagte Arlen.

„Dann nehme ich weniger Schuhe.“
„Du brauchst Arbeitsstiefel.“
„Papa, wir bauen eine Welt. Wir werden irgendwo einen zweiten Schuh herstellen.“
Am Tag der Einlagerung umarmten sie sich vor Kapsel 2-118. Mira versuchte tapfer zu wirken, bis die Haube herunterfuhr. „Wenn du wach bist“, sagte sie, „erzähl mir später etwas Schönes.“
„Du wirst schlafen.“
„Dann erzähl es mir trotzdem.“
Arlen versprach es. Nachdem der Schlaf einsetzte, blieb ihre Hand noch einen Moment gegen die Scheibe gelegt. Dann sank sie herab.
Die ersten Monate der Reise waren voller Stimmen. Startteams, Kontrollzentren, Familienkanäle. Nach dem ersten Sprung wurden die Verzögerungen größer. Nach dem fünften Jahr kamen Antworten Monate später. Im neunten Jahr verstummte die Erde. Kein katastrophales Ereignis, nur immer schwächere Signale, bis nichts mehr eintraf. Die Eos flog weiter.
Arlen führte ein Tagebuch für Mira. Er beschrieb Nebel, Sternenfelder und die kleinen Dinge: eine Pumpe, die wie ein schnarchender Hund klang; Algen, die in der Hydrokultur eine perfekte Spirale bildeten; den Tag, an dem er zum ersten Mal Brot aus Bordhefe buk. Er erzählte Schönes, weil er es versprochen hatte. Die Angst schrieb er in ein zweites, verschlüsseltes Log.
Im elften Jahr fiel Wächterin Chen während ihrer Wachphase aus. Ein Aneurysma, nicht vorhersehbar. Arlen wurde ungeplant geweckt. Er versorgte sie, aber sie starb. Damit verschob sich der Rotationsplan. Jeder weitere Wächter musste länger wach bleiben. Einige Kapseln zeigten instabile Zellwerte. Das System empfahl, die entsprechenden Passagiere früh zu wecken. Die Eos hatte aber Nahrung und Raum nur für die geplanten Wachpersonen.
Arlen traf Entscheidungen, die auf der Erde Kommissionen gebraucht hätten. Er ließ eine Ingenieurin erwachen, reparierte mit ihr den Kryokreislauf und schickte sie wieder in Schlaf. Er verwarf die Empfehlung, zwanzig ältere Kolonisten zugunsten jüngerer zu opfern. „Keine Frachtoptimierung“, schrieb er in das Log. „Es sind Menschen.“
Im vierzehnten Jahr schlug ein Mikrometeorit durch den Saatgutspeicher. Arlen rettete, was er konnte. In einer beschädigten Schublade fand er die Birnensamen seiner Familie, die Mira heimlich eingetragen hatte. Dana hatte sie aus dem Garten ihrer Großmutter bewahrt. Arlen hielt das kleine Päckchen in der Hand und weinte zum ersten Mal seit dem Start.
Die Reise machte ihn alt. Nicht biologisch so schnell wie auf der Erde, aber in der Art, wie Verantwortung Zeit wog. Jeder Gang durch die Kryodecks wurde zu einem Besuch bei einer schlafenden Stadt. Er kannte Geburtsdaten, Allergien, Berufe. Er grüßte die Menschen, obwohl sie ihn nicht hören konnten. Besonders häufig blieb er bei Kapsel 3-044 stehen. Darin schlief Aila Nwosu, neun Jahre alt, unterwegs mit ihrer Mutter. Aila hatte vor dem Start einen Brief an „die Person, die nachts auf uns aufpasst“ geschrieben. Arlen durfte ihn erst bei der Ankunft öffnen. Auf den Umschlag waren zwei gelbe Sonnen gemalt.
Im siebzehnten Jahr tauchte Viridia als grüner Punkt auf den Sensoren auf. Die Atmosphäre war atembar, die Meere stabil, die Vegetation dichter als erwartet. Arlen hätte jubeln müssen. Stattdessen überprüfte er die Daten immer wieder. Zu viel Hoffnung machte unvorsichtig.
Drei Monate vor Ankunft meldete das Kryosystem einen Fehler in Kapsel 3-044. Ailas Temperatur stieg. Die automatische Wiederbelebung hatte begonnen und ließ sich nicht stoppen. Arlen rannte durch die blauen Reihen. Er wusste, dass ein waches Kind die letzten Monate nicht allein verbringen durfte. Er wusste ebenso, dass jede zusätzliche Person die knappen Reserven belastete.
Vor der Kapsel stand er mit dem Notfallset. Hinter der Scheibe bewegten sich Ailas Augen. Auf dem Deck über ihm schlief ihre Mutter, stabil und unerreichbar, solange man den Kreislauf nicht gefährdete.
Arlen öffnete den Brief, obwohl es noch nicht die Ankunft war. Darin stand in unregelmäßiger Schrift: Lieber Nachtmensch, wenn du Angst hast, kannst du zu mir kommen. Ich schlafe zwar, aber dann bist du nicht allein.
Die Haube hob sich. Kalte Luft strömte heraus. Aila schlug die Augen auf und rang nach Atem. Arlen nahm ihre Hand.
„Sind wir da?“, flüsterte sie.
Auf dem nächstgelegenen Monitor leuchtete Viridia, noch klein, aber grün.
„Noch nicht“, sagte Arlen. „Aber der Himmel wartet schon.“
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